Donnerstag, 14. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
USA 1924; Regie: Fred C. Newmeyer, Sam Taylor; Drehbuch: Sam Taylor, Ted Wilde, Tim Whelan; Kamera: Walter Lundin, Henry N. Kohler; Darsteller: Harold Lloyd, Jobyna Ralston, Richard Daniels, Carlton Griffin, Mickey Daniels, Nola Dolberg, Judy King, Charles Stevenson; Produktion: Harold Lloyd Corporation; Premiere: 20.4.1924; Farbe: schwarzweiß; Länge: 2.266 Meter, 82 Minuten (24 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Aljoscha Zimmermann (Flügel) und Sabrina Hausmann (Violine)
Was als romantische Komödie über einen verträumten Schneidergesellen beginnt, der in seiner Phantasie zum Frauenhelden wird, endet mit einer halsbrecherischen Jagd per Auto, Feuerwehr, Straßenbahn und Pferdekutsche quer durch Los Angeles. MÄDCHENSCHEU war einer der größten Erfolge Harold Lloyds, des neben Chaplin beliebtesten amerikanischen Stummfilmkomikers. Sein furioses Finale war Vorlage für die Schlußsequenz in DIE REIFEPRÜFUNG mit Dustin Hoffman, bei der Lloyd als Berater mitwirkte.
Kanada 2000; Regie: Guy Maddin; Drehbuch: Guy Maddin; Kamera: Guy Maddin, deco dawson; Darsteller: Leslie Bais, Caelum Vatnsdal, Shaun Balbar, Greg Klymkiw, Tammy Gillis, Carson Natrass; Produktion: Niv Fichman, Judy Shapiro, Jennifer Weiss; Premiere: 7.9.2000 (Toronto); Farbe: schwarzweiß; Länge: 6 Minuten (24 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Tonspur
Es gab in den letzten Jahren viele Versuche, Stummfilme zu imitieren, doch diese zeigen in aller Regel ein erschreckendes Unverständnis: Es reicht eben nicht, einen Film in Schwarzweiß und ohne Dialoge herzustellen, um die Stummfilmästhetik zu erfassen. Guy Maddin gelingt in seinem furiosen Trailer eines fiktiven Stummfilms mit Hilfe digitaler Bildbearbeitungseffekte und der stampfenden Musik eines legendären sowjetischen Kompilationsfilms eine hypnotische Wirkung, die dem Stummfilm nahekommt.
Freitag, 15. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
Deutschland 1919; Regie: Fritz Lang; Drehbuch: Fritz Lang; Kamera: Karl Freund, Emil Schünemann; Bauten: Otto Hunte, Karl Ludwig Kirmse, Hermann Warm, Heinrich Umlauff; Darsteller: Carl de Vogt, Ressel Orla, Lil Dagover, Georg John, Rudolf Lettinger, Thea Zander, Reiner Steiner, Friedrich Kühne, Edgar Pauly, Meinhard Maur, Paul Morgan, K.A. Römer, Paul Biensfeldt; Produktion: Decla-Film, Berlin; Premiere: 3.10.1919; Farbe: mehrfarbig viragiert; Länge: 1.657 Meter, 80 Minuten (18 B/s); Zwischentitel: tschechisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Aljoscha Zimmermann (Flügel) und Sabrina Hausmann (Violine)
Ein Abenteuerspektakel, in dessen Mittelpunkt der verwegene Kay Hoog, ein Vorfahre von Indiana Jones, und die Jagd nach einem unterirdischen Inka-Schatz stehen, hinter dem auch eine chinesische Geheimorganisation her ist. Eine Jagd um die Welt beginnt, gespickt mit tollkühnen Kämpfen und aufregenden Verfolgungen. Der Film, von dem nur im tschechischen Filmarchiv Material erhalten ist, wurde in jahrelanger Arbeit neu restauriert und wieder mit seinen ursprünglichen Einfärbungen versehen.
22.30 Uhr - Arkadenhof
Deutschland 1920; Regie: Fritz Lang; Drehbuch: Fritz Lang; Kamera: Karl Freund; Bauten: Otto Hunte, Karl Ludwig Kirmse, Hermann Warm, Heinrich Umlauff; Darsteller: Carl de Vogt, Ressel Orla, Lil Dagover, Georg John, Rudolf; Lettinger, Thea Zander, Reiner Steiner, Friedrich Kühne, Edgar Pauly, Meinhard Maur, Paul Morgan, K.A. Römer, Paul Biensfeldt; Produktion: Decla-Film, Berlin; Premiere: 6.2.1920; Farbe: mehrfarbig viragiert; Länge: 2.486 Meter, 108 Minuten (20 B/s) ; Zwischentitel: tschechisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Aljoscha Zimmermann (Flügel) und Sabrina Hausmann (Violine)
Der zweite Teil der SPINNEN konzentriert sich in seiner Gestaltung mehr auf Innenräume und deutet die Visionen der späteren Filme Fritz Langs, DR. MABUSE, METROPOLIS und SPIONE, bereits an: Unter dem Chinesenviertel von San Francisco, in dem die Organisation der Gegenspieler Kay Hoogs ihre Zentrale betreibt, liegt eine unterirdische Stadt, in der das Verbrechen regiert. Die Jagd nach einem diamantenen Buddha-Kopf endet auf den Falklandinseln - gefilmt in der Märkischen Heide bei Berlin.
Samstag, 16. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
Japan 1933; Regie: Mikio Naruse; Drehbuch: Mikio Naruse, Tadao Ikeda; Kamera: Suketaro Ikai; Darsteller: Sumiko Kurishima, Teruko Kojima, Tatsuo Saito, Atsushi Arai, Mitsuko Yoshikawa, Takeshi Sakamoto, Kenji Oyama, Shigeru Ogura, Choko Iida, Ranko Sawa; Produktion: Shochiku Kinema Kenkyûjo; Premiere: 8.6.1933; Farbe: schwarzweiß; Länge: 1.754 Meter, 64 Minuten (24 B/s); Zwischentitel: japanisch mit englischer Übersetzung; Musikbegleitung: Aljoscha Zimmermann (Flügel)
Eine starke Frau steht im Mittelpunkt des Films, der als der stilistisch geschlossenste Stummfilm Mikio Naruses gilt: Omitsu arbeitet als Hostess in einer Bar, um sich und ihren Sohn über Wasser zu halten. Als eines Tages ihr arbeitsloser Mann Mizuhara wieder auftaucht, akzeptiert sie ihn nur widerwillig. Naruse erzählt seine Geschichte rein visuell. Die ursprüngliche Anfangssequenz, in der Omitsu aus dem Gefängnis entlassen wird, wo sie wegen Prostitution einsaß, wurde von der Zensur geschnitten.
22.30 Uhr - Arkadenhof
USA 1923; Regie: Fred C. Newmeyer, Sam Taylor; Drehbuch: Hal Roach, Sam Taylor, Tim Whelan; Kamera: Walter Lundin; Darsteller: Harold Lloyd, Mildred Davis, Bill Strother, Noah Young, Westcott B. Clarke, Mickey Daniels, Anna Townsend, Charles Stevenson, Fred C. Newmeyer; Produktion: Hal Roach Studios; Premiere: 1.4.1923; arbe: schwarzweiß; Länge: 1.852 Meter, 73 Minuten (22 B/s) Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Joachim Bärenz (Flügel) und Christian Roderburg (Schlagzeug)
Um Karriere zu machen, geht Harold Lloyd in die Großstadt, wo er aber nur einen Job als kleiner Kaufhausangestellter findet. Als seine Braut, der er regelmäßig Briefe mit erfundenen Berichten über seinen beruflichen Erfolg schreibt, zu Besuch kommt, muß er sich einiges einfallen lassen. AUSGERECHNET WOLKENKRATZER ist Lloyds berühmtester Film: Das Bild, das ihn am Zeiger einer Hochhausuhr zeigt, ist in die Filmgeschichte eingegangen. Der Film besticht durch perfektes Timing und eine Fülle visueller Gags.
Sonntag, 17. August 2008
15.00 Uhr - Rheinisches LandesMuseum Bonn
Die Veranstaltungen im Rheinischen Landesmuseum sind kostenpflichtig. Sie können für diese Veranstaltung online Karten reservieren.
Max Neufeld, der 1904 als Schauspieler im Theater debütierte, dann zum Film wechselte und zwischen 1919 und 1957 mehr als 60 Filme als Regisseur gedreht hat, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Das Filmarchiv Austria hat viele seiner Stummfilme restauriert, ihm eine Retrospektive gewidmet und ein Buch über ihn herausgebracht, so daß wir heute einen Regisseur mit persönlicher Handschrift wiederentdecken können. Nikolaus Wostry stellt den Regisseur, seine Filme und ihre Restaurierung vor.
17.00 Uhr - Rheinisches LandesMuseum Bonn
Die Veranstaltungen im Rheinischen Landesmuseum sind kostenpflichtig. Sie können für diese Veranstaltung online Karten reservieren.
Die musikalische Begleitung ist entscheidend für die Wirkung eines Stummfilms. Da nur in seltenen Fällen originale Noten erhalten sind, muß jeder heutige Musiker eine neue Begleitung finden, mit der er die Filme - indem er z.B. Spannungsbögen unterstreicht und Figuren charakterisiert - dem Publikum näher bringt. In seinem Vortrag gewährt Neil Brand Einblicke in seine Arbeitsweise und führt anhand eines Beispiels mit Live-Kommentierung vor, wie er seine Musik aus dem Moment heraus entwickelt.
21.00 Uhr - Arkadenhof
UdSSR 1930; Regie: Jakow Protasanow; Drehbuch: Jakow Protasanow, nach Motiven des gleichnamigen Romans von Harald Bergstedt; Kamera: Pjotr Jermolow; Bauten: Sergej Koslowski, Wladimir Baljusek; Darsteller: Anatoli Ktorow, Igor Iljinski, Mikhail Klimow, Maria Strelkowa, Igor Arkadin, Anatoli Gorjunow, Wladimir Uralski, N. Wassilijewa, Feofan Schipulinski; Produktion: Meshrabpomfilm, Moskau; Premiere: 25.8.1930; Farbe: schwarzweiß; Länge: 2.322 Meter, 102 Minuten (20 B/s); Zwischentitel: russisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Joachim Bärenz (Flügel)
Eine böse Satire auf die Geschäfte mit Religion und Heiligen, die von Vertretern der Kirche betrieben werden. Zwei Gauner brechen aus dem Gefängnis aus und mischen sich auf der Flucht vor der Polizei unter die Menschenmassen, die zu einem Wallfahrtsort pilgern. Der Komiker des russischen Stummfilms Iljinski brilliert in einer Paraderolle. Der Regisseur Jakow Protasanow schuf einige der populärsten Filme des sowjetischen Stummfilmkinos - zu denen auch DAS FEST DES HEILIGEN JÜRGEN zählt.
Frankreich 1898; Regie: Georges Hatot, Louis Lumière; Kamera: Alexandre Promio; Darsteller: Bretteau; Produktion: Lumière; Premiere: Anfang 1898; Farbe: schwarzweiß; Länge: 196 Meter, 11 Minuten (16 B/s); Zwischentitel: keine; Musikbegleitung: Joachim Bärenz (Flügel)
Ein früher, für seine Zeit ungewöhnlich langer und aufwendig gestalteter Jesus-Film aus der Produktion der Gebrüder Lumière. In 13 Tableaus, die von der Geburt Jesu bis zu seiner Auferstehung reichen, agieren die Schauspieler vor gemalten Kulissen, deren Begrenzungen im Bild deutlich zu sehen sind. Ursprünglich wurden die jeweils nur eine Minute langen Bilder als Einzelfilme vorgeführt, so daß der Film, der Auftakt unzähliger Jesus-Filme, auch als Vorform der späteren Form des Serials gesehen werden kann.
Montag, 18. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
USA 1925; Regie: King Vidor; Drehbuch: Laurence Stallings, Harry Behn; Kamera: John Arnold; Darsteller: John Gilbert, Renée Adorée, Hobart Bosworth, Claire McDowell, Claire Adams, Robert Ober, Tom O'Brien, Karl Dane, Rosita Marstini; Produktion: Metro-Goldwyn-Mayer Corporation; Premiere: 5.11.1925 (Grauman's Egyptian Theatre, Hollywood); Farbe: schwarzweiß mit viragierten und kolorierten Sequenzen; Länge: 3.423 Meter, 149 Minuten (20 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Neil Brand (Flügel)
Einer der erfolgreichsten Stummfilme liegt nun wieder in der neu rekonstruierten Premierenfassung mit eingefärbten Sequenzen vor. Die Geschichte eines Sohnes aus gutem Hause, der 1917 in den Krieg nach Frankreich zieht, ist auch heute noch ein ungemein fesselndes Erlebnis. King Vidor, der sich von Kriegsveteranen beraten ließ, gelang es wie nur wenigen Filmemachern nach ihm, das Kriegsgeschehen ohne Beschönigung erfahrbar zu machen und mit anrührenden menschlichen Schicksalen zu verbinden.
Dienstag, 19. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
USA 1927; Regie: Frank Urson; Drehbuch: Leonore Coffee, nach dem Theaterstück von Maurine Dallas Watkins; Kamera: Peverell Marley; Ausstattung: J.M. [Mitchell] Leisen; Darsteller: Phyllis Haver, Victor Varconi, Eugene Pallette, Virginia Bradford, Clarence Burton, Warner Richmond, T. Roy Barnes, Sidney D'Albrook, Otto Lederer, May Robson, Julia Faye; Produktion: DeMille Pictures Corporation; Premiere: 26.3.1928; Farbe: schwarzweiß; Länge: 2.952 Meter, 117 Minuten (22 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Neil Brand (Flügel) und Günter A. Buchwald (Violine)
Die erste Verfilmung jenes Stoffes, der als Musical 2002 mit Catherine Zeta-Jones, Renée Zellweger und Richard Gere neuverfilmt wurde, ist eine unterhaltsame Komödie über amerikanisches Gerichtswesen, Sensationsjournalismus und Showbusineß. Roxie Hart erschießt einen Mann. Überrascht von dem einsetzenden Presserummel lernt sie, den Mordfall geschickt zu nutzen, um auf die Titelseiten der Boulevardpresse zu gelangen. Mit Hilfe eines gerissenen Anwalts versucht sie, vor Gericht einen Freispruch zu erwirken.
USA 1920; Regie: Gregory LaCava; Drehbuch: Thomas A. 'Tad' Dorgan (Comic); Animationen: Gregory La Cava; Produktion: J. R. Bray Studios; Premiere: 6.6.1920; Farbe: schwarzweiß; Länge:111 Meter, 6 Minuten (16 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Neil Brand (Flügel)
Gregory La Cava zeichnete Comic strips, bevor er 1916 in die Trickfilmproduktion einstieg und in den 20er Jahren zur Spielfilmregie wechselte. Als Regisseur von Hollywoodkomödien wurde er in den 30er Jahren berühmt, während seine frühen Zeichentrickfilme heute weitgehend vergessen sind. SMOKEY RAUCHT handelt von einem Hund, dem der Arzt das Rauchen verbietet. Verzweifelt läuft er durch die Stadt, landet bei einem Chinesen mit Opium-Pfeife - und verliert sich in wilden Wahnvorstellungen.
Mittwoch, 20. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
Norwegen 1927; Regie: Walter Fyrst; Drehbuch: Alf Rød, nach zwei Geschichten von Mikkjel Fønhus; Kamera: Ragnar Westfelt; Darsteller: Tryggve Larssen, Bengt Djurberg, Julie Lampe, Tove Tellback, Harald Stormoen, Einar Tveito, Egil Hjorth-Jenssen, Mimi Kihle, Hauk Aabel, Nils Ahrén; Produktion: Fyrst-Film; Produzent: Helge Lunde; Premiere: 26.12.1927 (Oslo); Farbe: mehrfarbig viragiert; Länge: 2.020 Meter, 98 Minuten (18 B/s); Zwischentitel: norwegisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Günter A. Buchwald (Flügel und Violine)
Das skandinavische Kino hat in der Stummfilmzeit weltweite Achtung erfahren wegen seiner eindrucksvollen Einbeziehung der Natur in Geschichten von menschlicher Dramatik. Der Troll-Elch soll, einer alten Legende zufolge, die Inkarnation eines toten Menschen sein. Hans darf die schöne Ingrid, Tochter eines reichen Bauern, erst heiraten, wenn er den Geister-Elch getötet hat. Als Hans des Mordes an seinem Rivalen Gunnar beschuldigt wird, muß er in die Stadt fliehen und dort auf dem Jahrmarkt arbeiten.
USA 1917; Regie: Charles Chaplin; Drehbuch: Charles Chaplin, Vincent Bryan, Maverick Terrell; Kamera: Roland Totheroh; Darsteller: Charles Chaplin, Edna Purviance, Eric Campbell, Albert Austin, Henry Bergman, Kitty Bradbury, Frank J. Coleman, William Gillespie, Tom Harrington, James T. Kelley, John Rand, Tiny Sandford, Janet Miller Sully, Loyal Underwood, Tom Wilson; Produktion: Lone Star Corporation; Premiere: 17.6.1917; Farbe: schwarzweiß; Länge: 617 Meter, 30 Minuten (18 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Günter A. Buchwald (Flügel und Violine)
Einer der besten Kurzfilme von und mit Charlie Chaplin, der seine Komödie vor einem sehr realistischen Hintergrund entwickelt: Auf einem Schiff aus Europa landet der Tramp in Amerika, wo sich sein amerikanischer Traum jedoch nicht so recht zu erfüllen scheint. Mittellos versucht er in einem Lokal sowohl das Mädchen für sich zu gewinnen als auch eine warme Mahlzeit zu ergattern. Neben raffinierten und virtuosen Gags enthält der Film scharfe Kritik an sozialen Mißständen in den USA.
Donnerstag, 21. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
Deutschland 1920; Regie: Karlheinz Martin; Drehbuch: Karlheinz Martin, Herbert Juttke nach dem Theaterstück von Georg Kaiser; Kamera: Carl Hoffmann; Bildentwurf und Figuren: Robert Neppach; Darsteller: Ernst Deutsch, Erna Morena, Hans Heinrich von Twardowski, Eberhard Wrede, Adolf Edgar Licho, Hugo Döblin, Frieda Richard, Lotte Stein, Roma Bahn, Lo Heym; Produktion: Ilag-Film Berlin; Farbe: schwarzweiß; Länge: 1.325 Meter, 73 Minuten (16 B/s); Zwischentitel: deutsch; Musikbegleitung: SchlagEnsemble H/F/M
Einer der wenigen reinen expressionistischen Filme, mit verzerrten Kulissen, harten Kontrasten und stilisiertem Spiel der Darsteller. Erzählt wird die Geschichte vom Kassierer einer Bank, der Geld stiehlt, um sich in die Vergnügungen der Großstadt zu stürzen. Der Film kam seinerzeit nicht in die deutschen Kinos, sondern erlebte seine Uraufführung in Japan, wo sich die einzige Kopie erhalten hat. Die in der originalen Grafik rekonstruierten Zwischentitel wurden vom Filmmuseum München in den Film eingefügt.
Frankreich 1928; Regie: Ladislas Starewitch; Drehbuch: Ladislas Starewitch; Kamera: Ladislas Starewitch; Puppen und Animation: Ladislas Starewitch, Irène Starewitch; Kostüme: Anna Starewitch; Darsteller: Nina Star (= Starewitch), Bob Zoubowitch; Produktion: Les Films Louis Nalpas; Premiere: 8.9.1928 (Berlin),19.12.1928 (Paris); Farbe: mehrfarbig viragiert und getönt; Länge: 910 Meter, 33 Minuten (24 B/s); Zwischentitel: französisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Günter A. Buchwald (Flügel und Violine)
Der aus Rußland emigrierte Ladislas Starewitch schuf phantastische Puppentrickfilme, in denen er unterschiedlichste Animationstechniken anwandte und oft seine Tochter Nina mitspielen ließ. DIE WUNDERUHR ist sein Meisterwerk, in dem er verschiedene Geschichten mit einer Rahmenhandlung verband. Der neu restaurierte, wie im Original eingefärbte und getönte Film besteht aus zwei Teilen: DIE GESCHICHTE VOM MÄDCHEN, DAS PRINZESSIN WERDEN WOLLTE und DER VERZAUBERTE WALD.
Freitag, 22. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
Österreich 1928; Regie: Max Neufeld; Drehbuch: Fritz Zoreff, Siegfried Bernfeld, Max Neufeld; Kamera: Viktor Gluck; Bauten: Franz Meschkan, Hans Ledersteger; Darsteller: Dina Gralla, Claire Lotto, Alphons Fryland, Oskar Beregi, Richard Waldemar, Otto Schmöle, Viktor Franz, Cornelius Kirschner; Produktion: Hugo-Engel- Film GmbH, Wien; Premiere: 28.3.1928 (Berlin, Marmorhaus), 14.9.1928 (Wien); Farbe: schwarzweiß; Länge: 1.756 Meter, 64 Minuten (24B/s); Zwischentitel: serbokroatisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Maud Nelissen
Eine vergnügliche Verwechslungskomödie aus dem Wien der 20er Jahre: Ein Graf soll eine ihm unbekannte Fabrikantentochter heiraten. Da er sich auf dem Standesamt verspätet, platzt die Hochzeit. Daß die Braut durch eine Verwechslung in einem Appartement Unterschlupf findet, in dem auch der Graf wohnt, führt zu turbulenten Szenen. Mit einem Esprit, der an Ernst Lubitsch anknüpft, und vielen originellen visuellen Einfällen entstand einer der komischsten Filme des österreichischen Regisseurs Max Neufeld.
22.30 Uhr - Arkadenhof
Schweden 1922; Regie: Victor Sjöström; Drehbuch: Victor Sjöström, Hjalmar BergmanKamera: Julius JaenzonBauten: Axel Esbensen, Alexander Bakó; Darsteller: Jenny Hasselquist, Ivan Hedqvist, Tore Svennberg, Gösta Ekman, Knut Lindroth, Waldemar Wohlström, Nils Asther, Paul Seeling, Nils Lundell, Tyra Dörum, Bror Berger, Lars Egge, Edvin Adolphson, Nils Jacobsson, Olof Ås, Torsten Bergström, Edvin Adolphson, Julia Cæsar, Emil Fjellström, Artur Rolén; Produktion: Svensk Filmindustri; Premiere: 1.1.1922; Farbe: schwarzweiß; Länge: 1.787 Meter, 89 Min. (18 B/s); Zwischentitel: schwedisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Joachim Bärenz (Flügel)
Der vorletzte Film Sjöströms vor seinem Gang nach Hollywood erzählt eine düstere Geschichte aus dem Mittelalter: Ursula darf nicht den Mann heiraten, den sie liebt, sondern muß eine Ehe mit einem deutlich älteren Bildhauer eingehen. Sie entwickelt den Plan, ihren Ehemann zu vergiften. Mit prächtigen Dekors, einer ausgefeilten Lichtsetzung und beeindruckender Kameraarbeit setzt Sjöström sein Drama um Schuld, Sühne und Vergebung um, das mit sparsamen Zwischentiteln rein visuell erzählt wird.
Beatrix - ein Spiel von Liebe, Haß und Tod
"Beatrix - ein Spiel von Liebe, Haß und Tod". Presse- und Interessentenvorführung. Sehr, sehr süßer Rosenlikör, mit einem Schuß Angostura-Bittern, in einem goldenen, feinziselierten Kelch der Spätrenaissance kredenzt. Oder nüchterner ausgedrückt, ein sentimentales Filmdrama mit tragischem Einschlag, eine glänzende äußere Aufmachung und ein historisches, mittelalterliches Sujet. Fügen wir noch hinzu, daß die Herstellerfirma die Svenska Biograftheatern ist und Sjoström [!] als Regisseur zeichnet, dann ist der Film eigentlich schon hinreichend charakterisiert. Der Autor hat sich nicht sonderlich angestrengt, er putzte die alte Geschichte von der unverstandenen Frau, die an einen ungeliebten Mann gekettet ist, ein wenig historisch auf, läßt die Frau beinahe zur Mörderin an ihrem Manne werden, wobei das beabsichtigte Verbrechen nur dadurch vermieden wird, daß der Gatte in der Aufregung, (er hat die Vorbereitungen zum Giftmord beobachtet), einem Herzschlag erliegt. Sie wird angeklagt und muß sich von dem schweren Verdacht durch die Feuerprobe reinigen. Das Experiment führt sie glücklich zu Ende und Gott hat ihre Unschuld selbst bewiesen. - Wie gesagt, ein etwas verbrauchter Stoff, der bei einer weniger fähigen Regie vielleicht zur Katastrophe geführt hätte. Sjoström jedoch verstand es, der ganzen Sache eine besondere Note zu geben und ein ergreifendes Drama bildlich zu gestalten, das von Meisterhand geschaffene, prächtig bewegte Szenen bringt, und vor allem in den beiden letzten wirklich starken Akten auch jene Besucher mitreißen dürfte, die derartigen "zahmen Filmen" sonst vielleicht ablehnend gegenüberstehen. Das Durchschreiten des Scheiterhaufens ist eine Leistung von höchstvollendeter Technik, sowohl regietechnisch als auch photographisch. Auch einige Massenszenen sind in ihrer realistischen Bewegtheit beachtenswert. Das Experiment, einen derartigen, heute nicht allzu stark begehrten Sagenstoff zu einem zugkräftigen Film zu verarbeiten, konnte nur dadurch gelingen, daß die Svenska ihre besten darstellerischen Kräfte in den Dienst der Regie stellte, und die prächtigen Typen, verbunden mit der mimischen, ungezierten Ausdrucksfähigkeit der schwedischen Schauspieler verhelfen der sauberen Arbeit zu dem gewünschten Erfolg. Die Namen der wenigen Solodarsteller verdienen daher bekanntgegeben zu werden, in erster Linie Jenny Hesselquist, Tore Svenberg, Ivan Hedquist, Gösta Ekman, Knut Lindroth und Waldemar Wohlström. Die Eindrücke in wenige Worte zusammengefaßt: ein sauberer, logischer, historischer Spielfilm, kein Sittenfilm - aber ein sittenreiner Film. Verleih: Decla-Bioscop.
Guido Haller.
(Quelle: Der Kinematograph 16.Jg., Nr.804, 16.7.1922, anlässlich der Aufführung in Frankfurt a. M.)
"Beatrix." Ein Spiel von Liebe, Haß und Tod. Fabrikat: Svenska-Film. Verleih: Decla-Bioscop. Regie: Victor Sjöström. [...] ([...] Tauentzienpalast.)
Manchmal werden sich die Schweden untreu. Sie verlassen die erquickend reine Linie ihrer schönen Natürlichkeit, stürzen sich in Abenteuer kostümlichen Anreizes, versteigen sich in Stile, und die schon recht welken Lorbeeren der Historienfilm-Regisseure lassen sie nicht in ihrer harmonischen Ruhe. In Zeiten solcher Anfälle von Modelaune muß "Beatrix" entstanden sein. Ein Spiel von Liebe, Haß und Tod, von Gedankensünde, von Jugendrecht und Altersgrausamkeit, ein Spiel von Scheiterhauen und Gottesurteil. Ganz im Ton alter Chroniken vorgetragen, vom Atem der Legende überflügelt. Sehr fein, abseits vom Gewöhnlichen, nur: von der ersten bis zur letzten Szene eine einzige große Konzession an billigeren Publikumsgeschmack. Durchaus kein Schwedenfilm, nur ein Qualitätsfilm. Und das ist bei einer Produktion, die so sehr mit äußersten künstlerischen Reizen zu verwöhnen verstand, zu wenig. Sjöström hält auch in diesem ihm ungewohnten Rahmen an der Ueberlieferung der Sauberkeit fest, bindet schön Spiel und Gedanke, denkt bildhaft. Aber all dies geschieht bewußt und nicht mehr mit der elementaren Kraft von sonst. Jenny Hasselquist ist Beatrix, die schuldlos Schuldige. Ihr Ausdruck ist voll des Adels innersten Erlebens, das Spiel der Hände lebendig und echt, die ganze Persönlichkeit ganz Musik der Bewegung. Bestes geben wieder die männlichen Partner Ivan Hedquist und Tore Svennberg. Die Photographie in delikatem Reiz.
Max Prels
(Quelle: Der Kinematograph 16.Jg., Nr.822, 19.11.1922)
Beatrix
Die Epidemie der historischen oder der Kostümfilme hinterläßt überall ihre Spuren: Auch die Schweden, verführt durch einen alten Legendenstoff, haben nun ihren eigenen Boden verlassen.
Zwar ist dieser Film (U.T., Tauentzienpalast) Victor Sjöströms noch immer der schwedischen Tradition treu geblieben, also makellos in der Regie, streng und sauber in der Idee und im dramatischen Bau des Manuskriptes, aber es [!] hat das Unmittelbare der Wirkung eingebüßt, das Selbstverständliche, Natürliche, den großen Vorzug der skandinavischen Darsteller. Trotzdem Sjöström gerade dem Ausspielen der menschlichen, außerhalb jeder Zeit stehenden Konflikte viel Raum und Sorgfalt widmet, bleibt ihm die gewünschte Wirkung versagt. Die Schauspieler sind durch das fremde Gepräge, das zu einem gewissen Pathos zu verpflichten scheint, irritiert; die großen dramatischen Augenblicke treten deshalb nur unmerklich aus dem dickflüssigen, schwerblütigen Tempo dieser Legende von Liebe, Haß und Tod. Mittelalter, die Zeit der Gottesurteile. Beatrice haßt ihren ungeliebten, um vieles älteren Gatten und betet alltäglich zu Gott um Befreiung; auch um Vergebung für ihren Haß, denn sie ist fromm. Als ihre Liebe zu einem schönen Jüngling entdeckt wird, tritt zum ersten Mal der Gedanke an den Tod in ihr Leben. Angstvoll kommt ihr Gatte zu ihr. Das Gift, das sie für sich bestimmt hat, mischt sie ihm in den Becher. Er sieht es und stirbt vor Erregung am Schlagfluß. Nur die Aussage eines Bettelmönches, der Beatrix ein unschädliches Pulver statt des vermeintlichen Giftes gegeben hat, macht sie von der Anklage frei. Aber der Verdacht bleibt, selbst der Geliebte zweifelt und das empörte Volk verlangt nach einem Gottesurteil. Der Geliebte will sich für sie opfern; im letzten Augenblick kommt sie selbst, von Gewissensqualen übermannt, denn sie glaubt, daß ihr Haß, ihr Wille zum Mord den Tod des Gatten verschuldet hätten und besteigt selbst den Scheiterhaufen. Und Gott entscheidet für sie, den sie ist rein... Jenny Hasselquist spielt die Beatrix; ihre Partner sind Ivan Hestquist und Tore Svennberg; schöne, natürliche Menschen voll Eifer und Begabung.
p.m.
(Quelle: Film-Echo, Beilage zur Sonderausgabe des "Berliner Lokal-Anzeigers", Nr.42, 13.11.1922)
"Beatrix"
Tauentzienpalast
Dieser erinnerungswürdige Abend wurde mit einem Bergsteigerfilm (Decla-Bioscop), "Auf den Höhen des Schweigens", eingeleitet, der in geschickt geschnittenen Bildern die Bezwingung einiger Berggipfel und -wände zu Gesicht bringt. Der Film ist nur ein wenig lang, könnte Schnitte (im Aufrollen des Seiles, das sich wohl zwanzigmal wiederholt) vertragen, um dann von noch stärkerer Wirkung zu sein. Die Virage der Kopie war recht ungleich; es wäre am besten, sie durchgehend elfenbeinfarben zu viragieren. Es folgte dann der Schwedenfilm "Beatrix", ein Spiel von Liebe, Haß und Tod in fünf Akten, die, von Hjalmar Bergmann geschrieben, von Victor Sjöström inszeniert wurden. Man geht neuerdings mit einiger Skepsis zu den Schweden; denn nachdem man sie anfänglich übertrieben feierte, kam man bald hinter die Grenzen ihrer Kunst, die Dramatisches zugunsten zu starker "Seelenspiegelung" unterdrücken. Schwedenfilme sind langweilig, wurde nicht selten geurteilt, was der Qualität nicht ganz gerecht wurde. Aber irgendwo geschieht bei Stiller oder Sjöström ja doch das Wunder, daß wir vor ihren Leistungen verstummen und in ehrfürchtigem Staunen zu ihnen aufblicken. Dieses Wunder geschieht in Beatrix im letzten Akt, der sich von den vorhergehenden an dramatischer Schlagkraft so abhebt, als sei er von einer ganz anderen Hand geschrieben worden. Die Geschichte ist bis dahin ziemlich einfach und alltäglich und wird auch nicht interessanter dadurch, daß man ihr das Gewand der späten Gotik anzieht. Beatrix wird einem ungeliebten Gatten angeheiratet und verliebt sich in der Ehe in einen schönen jungen Mann. Den Gatten versucht sie zu vergiften, aber den trifft, da er ihre Vorbereitungen gesehen, zuvor der Schlag. Das vermeintliche Gift war ein harmloses Pulver - die Obrigkeit spricht Beatrix frei, aber das Volk verlangt ein Gottesurteil. Der Geliebte will für sie den Scheiterhaufen besteigen, aber Beatrix, von Reue getrieben, stürzt sich in die Flammen, geht aber aus ihnen, da sie bereut, heil hervor.
Dieses Melodram hat die unwirkliche Atmosphäre der Legende, ganz besonders im letzten, in einer Nacht sich abwickelnden Akt, in dem Sjöström die Handlungsarmut der ersten Akte durch einprägsam einfache Bilder wettmacht. Seine Art, die Handlung aufzulösen, sie wechselnd in den verschiedenen Figuren zu spiegeln, ist bekannt. Die Massenszenen sind von Lubitsch beeinflußt, zwei Bilder glatt aus dem "Weib des Pharao" übernommen. Der Höhepunkt de Sjöströmschen Regiekunst wird beim Bau des Scheiterhaufens erreicht, in der Schar der fanatischen, mit Reisig beladenen Weiber. In den letzten Szenen hätte man die Figur des Gatten, der Beatrix schützend durch die Flammen des Scheiterhaufens führt, nur schemenhaft einkopieren sollen - auch sollte man Visionen stets im Dämmerlicht durch Schleier photographieren - auch nur inmitten von Kreisblenden, um sie unwirklicher zu machen. Jenny Hasselquist bewies als Beatrix von neuem ihr eminent schauspielerisches Können - nur dem Schluß blieb sie die Verzückung schuldig - aber vielleicht ist dieses Gefühl nicht mehr darzustellen. Tore Svenneberg und Ivan Hedquist hatten am Erfolg ebenso großen Anteil wie die Photographie Julius'. Der Film fand eine außerordentlich beifällige Aufnahme. Svenskafilm der Ufa.
N.
(Quelle: Film-Kurier, 4.Jg., Nr.252, 13.11.1922)
Feuilleton
Dramaturgie eines Schwedenfilms
Gedanken über Sjöströms "Beatrix"
Ein in sich starker, überzeugender Film muß eine Voraussetzung erfüllen: er muß die Logik des Alltages haben. Sobald ein Film sich auf eine exzeptionelle Verquickung stützt, nähert er sich vielleicht dann und wann dem Leben - aber nur die Wirklichkeit darf sich die Konstituierung von Unwahrscheinlichkeiten erlauben; dem Dichter nimmt man sie übel, und das Publikum bezweifelt sie.
Das ist die grundlegende Schwäche des Sjöströmschen Filmes "Beatrix". Eine Frau, deren Schuld in der Andeutung einer Verfehlung, in der Eröffnung der Perspektive auf einen Ehebruch besteht - wohlgemerkt: der Ehebruch kommt nicht zustande! -, eine solche Frau mischt ihrem Manne, den sie haßt, Gift in den Wein. Und sie tut es, indem sie nicht sieht, daß dieser Mann dicht vor dem Spiegel steht und sie beobachtet. Zudem verdeckt sie den verbrecherischen Vorgang nicht etwa mit ihrem Körper, sondern stellt sich offen vor den Spiegel hin.
Diese Prämisse ist falsch. Das Leben mag die Unwahrscheinlichkeit zulassen, es gibt Verwirrungen des Geistes (bei der Frau), mit denen man die Unsinnigkeit rechtfertigen könnte, - und Bewegungshemmungen (beim beobachtenden Mann), die ihn, den offenbar Herzkranken, hindern können, der Frau entgegenzutreten; aber der Film darf mit diesen exzeptionellen Denkbarkeiten nicht rechnen: er muß das alltägliche Vorkommnis im Auge behalten, denn nur dieses läßt sich typisieren.
Vollends indiskutabel ist die Voraussetzung, daß der Mönch, der feilschend von Haus zu Haus zieht, Gift mit sich führt. Hier fühlt man eine Absicht, die aber nicht klar zum Ausdruck kommt: soll der Tod eine Symbolisierung erfahren, das Verderben gleichfalls menschliche Form annehmen in dem Augenblick, in dem auch die Liebe Mensch wird? Das scheint das Ziel gewesen zu sein, aber es wurde in keiner Weise erreicht. Nicht der Tod erscheint, sondern ein körperlicher Faktor, der dem Schicksal in die Speichen fällt. Zwar dokumentiert die Art, in der der Mönch eingeführt wird, ein klares Bestreben: die Auswechselung des Giftes im Ring der Frau gegen eine ungefährliche Substanz erfolgt vor den Augen des Publikums, so daß über die Harmlosigkeit der späteren Vergiftungsszene keine Zweifel bestehen können, der Zuschauer also ohne jede Spannung in der Handlung weiter vorgeschritten ist, als die handelnden Personen selber, - aber dieses Bestreben, die Kolportage zu vermeiden, ist, so stilvoll sie für den Intellektuellen schon sein mag, ein Verzicht auf das stärkste filmische Element der Handlung überhaupt.
Zwei Punkte sind es somit, die bereits im Vorwurf der Fabel der Spannung zuwiderlaufen und den Film dramaturgisch matt machen. Aber darüber hinaus wirken große Schwächen nach: Beatrix, die Frau, haßt ihren Mann, ... warum? Liebe braucht nicht motiviert zu werden, sie ist da, im Äußerlichen der Menschen begründet, denn Liebe strömt von Geschlecht zu Geschlecht. Aber der Haß gegen einen Menschen, der äußerlich angenehm und in seinem Charakter augenscheinlich edel ist, muß begründet werden, auch wenn dieser Mensch ... Ehemann ist. Weiterhin: die geistreiche Komposition, durch die die Frau die Vorgänge der Sterbeszene ihres Mannes sich nachträglich vergegenwärtigt, erweist sich als wirkungslos, weil wir zu sehr Augenzeugen der Spiegelszene wurden. Wir haben - im Film - zu oft Beobachtungen durch den Spiegel erlebt, als daß wir die Ahnungslosigkeit der Frau hinnehmen könnten.
Schließlich aber findet der Film Sjöström[s] einen konstruktiven Höhepunkt, der in seiner fast legendären Färbung erst recht nicht geeignet erscheint, die wenig überzeugenden Voraussetzungen zu überstrahlen. Das Gottesgericht, nachdem die Frau ihre Mitschuld erkannt hat, ist ein unendliches Legato der Geste, das keine natürliche Kulmination kennt. Der Sohn des Bürgermeisters tritt sein Opferplatz an die Urheberin des Unheils, an Beatrix, ab ... ohne fühlbare Erregung darüber, daß hier ein Schuldbekenntnis zum Durchbruch zu kommen scheint. Die Symbole des Entwurfes: Tod und Liebe - sie verschwinden, dafür löst sich vom Kreuz die Figur des gestorbenen Gatten los ... Ist das wieder ein Symbol: das Kreuz des ehelichen Hasses? Oder will Sjöström das Visionäre des Schuldbewußtseins zum Leitgedanken des Gottesurteils machen? Auch diese Klimax fängt den Zuschauer nicht mehr ein, weil dieser zumeist eine Abneigung gegen die Exaltiertheit der religiösen Ideen, sicherlich aber eine besondere Empfindlichkeit gegenüber der Verweltlichung konfessioneller Symbole haben wird. Die Dramaturgie der "Beatrix" verpufft damit selbst an den Höhepunkten: das Nicht-Alltägliche verschließt sich, weil die Prämissen versagen, auch in seinen Folgen ganz der gedanklichen Zugänglichkeit. Für die Beurteiler dieser Arbeit ist aber eines lehrreich: sehen wir von "Erotikon" ab, so hieß bisher die beste schwedische Filmautorin Selma Lagerlöf, und das aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht symbolisierte, nicht ideelle Konzeptionen gab, sondern nur typisierte, also dem Alltag das Selbstverständliche entlieh. Der Umstand, daß selbst Stimmungsmaler, Menschenzeichner und Durchgeistiger von Situationen, wie es die beiden schwedischen Regisseure Sjöström und Stiller sind, an der Unzulänglichkeit neuer Vorstellungen scheitern, ist angesichts der "Beatrix" von lehrreichem Interesse. Zwar soll und kann nicht jede Erzeugung ein Meisterwerk sein, wohl aber kann der Vorwurf, die dramaturgische Unterlage, in jedem Fall die klare Film-Erkenntnis verraten. Davon kann man hier nicht sprechen. Die Technik des Bildes - Ton und Gebärde -, Tempo und Mitteilsamkeit ... alles das scheint am Film Handwerk zu werden (oder zu sein); doch das Manuskript gelingt einem Handwerker nicht.
Auch Sjöström wird das einsehen müssen.
Paul Ickes
(Quelle: Film-Kurier, 4.Jg., Nr.252, 13.11.1922)
Samstag, 23. August 2008
21.00 Uhr - Arkadenhof
Deutschland 1928; Regie: Gennaro Righelli; Drehbuch: Curt J. Braun, Walter Jonas nach dem Roman "Le Rouge et le noir" ("Rot und Schwarz") von Stendhal; Kamera: Friedrich Weinmann; Darsteller: Iwan Mosjukin, Lil Dagover, José Davert, Jean Dax, Agnes Petersen, Félix de Pomés, Hubert von Meyerinck, Dillo Lombardi, Valeria Blanka; Produktion: Greenbaum Film, Berlin / Terra-Film, Berlin; Premiere: 25.10.1928 (Berlin); Farbe: mehrfarbig viragiert; Länge: 1.790 Meter, 65 Minuten (24 B/s); Zwischentitel: französisch mit deutscher Übersetzung; Musikbegleitung: Joachim Bärenz (Flügel)
Mosjukin war unbestrittener Star aufwendiger Produktionen wie CASANOVA oder DER KURIER DES ZAREN. In Righellis sehr freier Adaption von Stendhals Roman "Rot und Schwarz" spielt er den Provinzler Julien Sorel, der 1830 nach Paris kommt, um dort Karriere zu machen und die Tochter eines Marquis zu heiraten. Seine Vergangenheit holt ihn jedoch ein. Der Ausstattungsfilm hat sich nur in einer gekürzten französischen Fassung erhalten, die ein sehr modern anmutendes, rasches Erzähltempo aufweist.
22.30 Uhr - Arkadenhof
GB 1928; Regie: Miles Mander; Drehbuch: Miles Mander, Alma Reville, nach Manders Theaterstück "Common People" und seinem Roman "Oasis"; Kamera: Walter Blakeley; Ausstattung: Wilfred Arnold; Darsteller: Madeleine Carroll, Miles Mander, John Loder, Margot Armand, Ella Atherton, Ivo Dawson, Margaret Roach, John St. John, Naomi Jacob, Bernard Vaughan, Walter Wichelow, Beryl Egerton, Theodore Mander; Produktion: Mander Production Syndicate für Gainsborough Pictures; Premiere: Oktober 1928; Farbe: schwarzweiß; Länge: 2.114 Meter, 84 Minuten (22 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Stephen Horne (Flügel)
Alma Reville, die Ehefrau und engste Mitarbeiterin von Alfred Hitchcock, begann ihre Karriere als Cutterin und Drehbuchautorin. Das Drehbuch zu dem spannenden Ehedrama DAS WUNSCHKIND schrieb sie zusammen mit Miles Mander, einem populären englischen Schauspieler, der auch die männliche Hauptrolle spielt und Regie führt. Es geht um eine Ehefrau, die ihren Mann liebt, obwohl er sie dauernd betrügt. Als er sie verläßt, schmiedet sie den Plan, ihn mit einem Wunschkind zurückzuholen.
Sonntag, 24. August 2008
15.00 Uhr - Rheinisches LandesMuseum Bonn
Die Veranstaltungen im Rheinischen Landesmuseum sind kostenpflichtig. Sie können für diese Veranstaltung online Karten reservieren.
Der Maler und Grafiker Walter Ruttmann entdeckte den Film 1920 und schuf die ersten abstrakten Zeichentrickfilme der Welt. Populär waren seine phantasievollen Werbefilme, die heute weitgehend vergessen sind. Als der Tonfilm aufkam, experimentierte Ruttmann sofort mit dem neuen Medium, stellte einen "Tonfilm ohne Bild" her und den Vorläufer des Musikvideos. Das Filmmuseum München bereitet eine DVD mit den Werken von Ruttmann vor, über deren Restaurierungen Stefan Drößler sprechen wird.
17.00 Uhr - Rheinisches LandesMuseum Bonn
Deutschland 1927; Regie: Walter Ruttmann; Drehbuch: Karl Freund, Carl Mayer, Walter Ruttmann; Kamera: Robert Baberske, Reimar Kuntze, Lázsló Schäffer, Karl Freund; Bauten: Erich Kettelhut; Schnitt: Walter Ruttmann; Produktion: Deutsche Vereins-Film, Les Productions Fox Europa; Premiere: 23.09.1927 (Berlin, Tauentzien-Palast); Farbe: schwarzweiß; Länge: 65 Minuten; Musik: Edmund Meisel (Orchestereinspielung)
Die Veranstaltungen im Rheinischen Landesmuseum sind kostenpflichtig. Sie können für diese Veranstaltung online Karten reservieren.
Mit versteckter Kamera filmte Ruttmann in den Straßen von Berlin, um die Aufnahmen zum Tagesablauf einer Großstadt zu montieren. Edmund Meisel schrieb dazu eine legendäre Filmmusik, von der sich nur ein Klavierauszug erhalten hat. Im Herbst 2007 wurde die rekonstruierte Musik erstmals wieder in der Originalbesetzung mit 75 Musikern aufgeführt. Der Film wurde umkopiert und vom Filmmuseum München digital überarbeitet. Zur Aufführung gelangt diese neue Fassung in einer digitalen Projektion.
21.00 Uhr - Arkadenhof
D/GB 1929; Regie: Richard Eichberg; Drehbuch: Adolf Lantz, Helen Gosewisch, nach der Novelle "Schmutziges Geld" von Karl Vollmöller; Kamera: Heinrich Gärtner, Bruno Mondi; Darsteller: Anna May Wong, Heinrich George, Mary Kid, Hans Adalbert Schlettow, Paul Hörbiger, Julius E. Herrmann; Produktion: Eichberg Film, Berlin / British International Pictures, London; Premiere: 21.8.1928; Farbe: schwarzweiß; Länge: 2.696 Meter, 98 Minuten (24 B/s); Zwischentitel: englisch; Musikbegleitung: Stephen Horne (Flügel)
Richard Eichberg war über ein Vierteljahrhundert einer der erfolgreichsten Regisseure des deutschsprachigen Unterhaltungskinos, der von der Kritik aber selten ernst genommen wurde. Dabei schuf er einige faszinierende Filme wie das Melodram SONG, die sich durch eindrückliche Bildgestaltung, sorgfältige Ausstattung und großartige Schauspielerleistungen auszeichnen. Er verpflichtete Hollywood-Star Anna May Wong als Malayenmädchen Song, das einem von Heinrich George gespielten Matrosen verfällt.
Frankreich 1924; Regie: Claude Autant-Lara; Drehbuch: Claude Autant-Lara; Kamera: Henri Barreyre; Darsteller: Paul Barthet, Louise Lara, Antonin Artaud; Produktion: Cinégraphic; Premiere: Dezember 1924; Farbe: schwarzweiß; Länge: 432 Meter, 19 Minuten (20 B/s); Zwischentitel: keine; Musikbegleitung: Stephen Horne (Flügel)
Ein Klassiker des französischen Avantgardefilms. Er erzählt eine Dreiecksgeschichte, die der Zeitungsrubrik "Vermischte Meldungen" entnommen sein könnte. Autant-Lara verwendet Stilmittel wie Doppel- und Dreifachbelichtungen, Schrägeinstellungen, extreme Großaufnahmen, Zeitlupe, mehrfache Wiederholungen derselben Handlung sowie Zeitsprünge. Für die Rolle von Monsieur II verpflichtete er den jungen Schriftsteller Antonin Artaud, der mit diesem Film eine Karriere als Schauspieler startete.
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Im Kino in der Brotfabrik: DER GROSSE DIKTATOR
»Chaplins erster Film, der von allen Möglichkeiten des Tons Gebrauch machte, ist eine beißende Satire auf Hitler und Nazideutschland. Chaplin spielt eine Doppelrolle als Hynkel, der Diktator von Tomania - eine brillante Karrikatur Hitlers-, und als der jüdische Friseur, der noch starke Züge des Tramps trägt.« (rororo-Filmlexikon)
Aufführungen: Fr 29.8. und Sa 30.8. um 19.00 Uhr, Brotfabrik [Reservierung]
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Alle Aufführungen im Arkadenhof der Universität werden durch renommierte Stummfilmmusiker live begleitet. Lernen Sie hier die Musiker kennen, die bei den Internationalen Stummfilmtagen spielen.
Foto: Gilles Soubeyrand
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