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vormittagsspuk |
Deutschland 1928
Regie: Hans Richter
Drehbuch: Hans Richter
Kamera: Reimar Kuntze
Darsteller: Werner Graeff, Madeleine Milhaud, Darius Milhaud, Paul Hindemith, Walter Gronostay, Hans Richter, Jean Oser, Willi Pferdekamp
Produktion: Gesellschaft Neuer Film,Berlin
Premiere: 14.7.1928 (Baden-Baden)
Format: 35 mm
Länge: 170 Meter, 6 Minuten (24 Bilder/sec)
Farbe: schwarzweiß
Zwischentitel: deutsch
Musikalische Begleitung: Filmsirup
Der Klassiker des Avantgarde-Films, entstanden 1928 für das Kammermusikfest in Baden-Baden, wo der Film mit einer - heute leider verlorenen - Musik für mechanisches Klavier von Paul Hindemith vorgeführt wurde. Richter läßt die Gegenstände gegen die Menschen rebellieren und ein Eigenleben führen. Alltägliche Abläufe werden mit allen Mitteln des Trickfilms zerlegt, und die Bruchstücke werden zu einer dadaistischen Komödie zusammengesetzt.
1929 tauchte ein anderer progressiver Verband auf: die "Deutsche Liga für den unabhängigen Film", die zum Ziel hatte, die Verherrlichung des Krieges und die Übergriffe der Zensur zu bekämpfen. Diese Liga arrangierte Vorführungen von Avantgardefilmen und russischen Filmen, auf die Diskussionen folgten. Die Seele des Unternehmens war Hans Richter, einer der wenigen wahrhaft unbestechlichen Filmkünstler der Linken. Sein Vormittagsspuk, ein reizender Kurzfilm, der offensichtlich von René Clair und Fernand Léger beeinflußt war, zeigte unbelebte Objekte beim Aufstand gegen den konventionellen Gebrauch, den wir von ihnen machen. Zylinder scheren sich nicht um ihre Besitzer, sondern fliegen durch die Luft, während eine Reihe von Leuten hinter dünnen Laternenpfählen verschwindet.
Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler; München 1979
vormittagsspuk zeigte Rebellion der Objekte, der Hüte, Tassen, Krawatten, Schläuche etc. gegen den Menschen. Schließlich stellte sich dann die alte Rangordnung des Menschen-Herrn über die Objekt-Sklaven wieder her. Aber für diese kurze Zeit mag doch ein Zweifel an der Allgültigkeit der gewöhnlichen Subjekt-Objekt-Ordnung im Publikum eingetreten sein. Nachdem Eisenstein meinen kleinen Film gesehen hatte, verlangte er zu wissen, was ich damit sagen wollte. Als ich ihm erzählte, wie das Ganze sozusagen aus sich selbst und dem Spiel der Bewegungen entstanden war, glaubte er mir nicht. "Man muß doch einen Plan im Kopf haben", sagte er, "ehe man anfängt." Das war's ja gerade. Den hatte ich eben nicht, als ich anfing, sondern erst, als ich aufhörte ... Als ich nämlich feststellte, daß es eine Rebellion der Objekte geworden war.
Hans Richter: Dada - Kunst und Antikunst; Köln 1964