Standort: oberste Gliederungsebne Bonner Kinemathek - Unterverzeichnis Internationale Stummfilmtage - aktuelle Seite PETRONELLA - DAS GEHEIMNIS DER BERGE
PETRONELLA - DAS GEHEIMNIS DER BERGE
Schweiz 1927 - Regie: Hanns Schwarz - Drehbuch: Max Jungk, Hanns Schwarz, nach dem Roman von Johannes Jegerlehner - Kamera: Alfred Hansen - Darsteller: Maly Delschaft, Wilhelm (= William) Dieterle, Oscar Homolka, Theodor Loos, Frieda Richard, Rudolf Lettinger, Georg John, Ernst Rückert, Fritz Kampers, Hedwig Wangel - Produktion: Helvetia-Film AG, Bern-Glarus-Berlin - Premiere: 21.11.1927 (Bern) - Archiv: Cinémathèque Suisse, Lausanne - Farbe: schwarzweiß - Länge: 3.116 Meter, 107 Minuten (20 B/s) - Zwischentitel: deutsch


Bild vergrößern in neuem Fenster
Als bewaffnete Walliser 1801 Soldaten Napoleons ein Gefecht liefern, verliert eine junge Frau ihren Mann und das Dorf seinen Talisman: die "Petronella" getaufte Kirchenglocke. Nach Jahren des Unglücks bringt jener Mann, der um die Witwe geworben, seinen Nebenbuhler im Kampf getötet hatte und deshalb verbannt worden war, Glocke und Glück wieder ins Dorf zurück. (Festivalkatalog Locarno 2000)


Bild vergrößern in neuem Fenster


Im Juli 1927 tut sich der Berner Dichter Johannes Jegerlehner mit dem Industriellen Heiniger und dem Anwalt Brand zur Gründung der Helvetia-Film AG zusammen. Ziel: gewissenhafte Verfilmungen von Schweizer Autoren. Doch sind künstlerische und technische Equipe mehrheitlich deutsch. Es spielt Wilhelm Dieterle, damals auf dem Zenith seiner Beliebtheit, ihm zur Seite Maly Delschaft. Der Regisseur Hanns Schwarz wird sich in den folgenden Jahren mit mehreren grossen UFA-Kassenerfolgen mit Jannings, Brigitte Helm, Hans Albers und Lilian Harvey auszeichnen. Hier assistiert ihm Rudolf Sieber, Marlene Dietrichs Ehemann. Für die ausgeprägt schöne Photographie schliesslich zeichnet Alfred Hansen, einstiger Lieblingskameramann von Lubitsch.

Die Schlacht zwischen französischen Grenadieren und den widerspenstigen Wallisern wird bei Arolla mit gut 300 Bauern aus der Umgebung aufgezeichnet. In Einstellungswechseln, Plastizität der Kompositionen und Präzision der Montage entfaltet Schwarz dabei Gespür für Raum und spannende Dynamik: der Vormarsch der Franzosen im Kugelhagel, die unsichtbaren Bergler, die im Hinterhalt von ihren Frauen mit Munition versorgt werden, das Durcheinander des vom Pulverdampf verhängten Zusammenstosses - kurz, verschiedene brillant aufgezogene Szenerien verleihen PETRONELLA eine visuelle Note von echter Qualität.

Die "anspruchsvollen" Presseleute und Zuschauer anerkennen einhellig die ausgezeichnete Machart des Werkes (dem die deutsche Regierung das Prädikat "künstlerisch wertvoll" zuspricht) und die löblichen Anstrengungen der Helvetia, den Klischees und schwärmerischen Auswüchsen des landläufigen Bergfilms möglichst zu entgehen, indem Melodram durch Legende und Künstlichkeit durch einfache und nüchterne Darstellung ersetzt wird. Jegerlehner hat alle vor der Kamera nachgestellte Folklore-Darbietungen (Fest der Schutzheiligen, Prozession, Volkstänze, Kampf der Leitkühe, Sitten und Aberglaube) wie auch die Nachbildungen von Walliser Wohnungseinrichtungen in Berlin-Neubabelsberg streng überwacht. Dieses Bemühen um Wahrhaftigkeit verschlingt indes derartige Summen, dass selbst die Auswertung des Films in sämtlichen deutschsprachigen Ländern seine Kosten nicht zu decken vermag. Nach einer bescheideneren zweiten Produktion gerät die Helvetia 1931 in Konkurs.
(Hervé Dumont: Geschichte des Schweizer Films, Lausanne 1987)


Bild vergrößern in neuem Fenster


PETRONELLA ist ein dualistischer Film. Unverkennbar ist die Absicht, die Handlung fest an einem Ort und in einer Zeit zu verankern, nicht nur durch die Datums- und Ortsangabe, sondern auch durch die große Sorgfalt, die auf die kulturellen, ja folkloristischen Details verwendet wird. Zugleich aber fällt der zeitlos-universelle Aspekt der von Legenden inspirierten Story auf. Zur Dualität des Besonderen und des Universellen, des Historischen und des Mythischen, gesellt sich der - weniger offensichtliche, aber reale - Konflikt zwischen der Absicht, einen "echt schweizerischen" Film zu drehen und dem Rückgriff auf deutsche Profis. So ist PETRONELLA gleich doppelt zweigesichtig und von Widersprüchen durchdrungen, die jedoch überwunden werden. Je mehr die Geschichte sich entwickelt, desto mehr treten die realistischen Elemente und Verweise zurück zugunsten des Phantastischen und Zeitlosen. Einen Film zu machen aus so divergierenden, ja widersprüchlichen Elementen war ein gewagtes Unterfangen, das dem homogenen Team jedoch gelungen ist, zumindest in künstlerischer Hinsicht. Hanns Schwarz leitet elegant und meisterlich von den quasi-dokumentarischen Sequenzen hinüber zu den eher phantastischen Momenten, ohne dass die Erzählung auseinander fällt. Drehbuch und Regie zeugen auch von einer soliden Dosis trockenen Humors, der viel zum Zusammenhalt des Werks beiträgt.

Filmhistorisch gesehen, ist die Bilanz niederschmetternd. Wer kennt diesen Film, den Hanns Schwarz 1927 in der Schweiz gedreht hat? Er verdient mehr und Besseres als nur unsere Neugier. PETRONELLA in den Lagern eines Filmarchivs wiederzufinden und wieder an den angestammten Platz, nämlich auf den Projektor zu befördern, so wie die in der Gletscherspalte wieder gefundene Glocke Petronella wieder in den Kirchturm gehängt wird, das wäre nichts als gerecht. Damit würde nicht nur jenen Gerechtigkeit widerfahren, die den Film gemacht haben, sondern auch einem der wichtigsten Filme der Schweizer Produktion in der Stummfilmzeit.
(Rémy Pithon, in: Cinéma suisse muet, Lausanne 2002)


Bild vergrößern in neuem Fenster


Ihre Kommentare zu Film und Festival sind erwünscht: Forum Stummfilm
(Das Forum Stummfilm ist Teil des 'Forum Film' der Bonner Kinemathek, weitere Rubriken dort)
Die Fotos auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt: Bildnachweis