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Inhalt

MENSCHEN-ARSENAL (PRIVIDENIE, KOTOROE NE VOSWRASTSCHAETSJA)

Programm: Bonn 2007 Druckversion Festival-Archiv

UdSSR 1929 - Regie: Abram Room - Drehbuch: Valentin Turkin nach der Novelle "Le rendez-vous qui n'a pas eu lieu" von Henri Barbusse - Kamera: Dimitri Feldman - Darsteller: Boris Ferdinandow, Maxim Strauch, Daniil Jedjenskij, Leonid Jurinow, J. Schachowskij, Olga Schisnjowa, Dimitri Kara-Dimitrijew, Karl Gurnjak, A. Rjetin, Iwan Lawrow, A. Filipow, W. Tjerjechow - Produktion: Sowkino, Moskau - Format: 35mm - Länge: 2.177 Meter, 119 Minuten (16 Bilder/sec) - Farbe: schwarzweiß - Zwischentitel: russisch mit deutscher Übersetzung

Musikbegleitung: Joachim Bärenz

Ein wenig bekanntes Meisterwerk des sowjetischen Stummfilms, das in Lateinamerika spielt: In einem Gefängnis wird einem politischen Gefangenen ein Tag Hafturlaub gewährt - der in der Regel dafür genutzt wird, um den Gefangenen durch Polizeikräfte beseitigen zu lassen. In einer spannenden Flucht versucht der Gefangene, dem ihm nachstellenden Agenten zu entkommen und sich zu seinen Ölarbeiter-Kollegen durchzuschlagen, die gerade einen Aufstand planen ...

Besprechungen

MENSCHEN-ARSENAL - ein Russenfilm nach einer Novelle von Barbusse, die in einem der amerikanischen Südstaaten [Lateinamerika] spielt. (...) Mit unvergleichlicher Meisterschaft ist wieder der Raum bewältigt. Der Zuchthaushof wird durch Aufnahmen von oben zur Wüste geweitet, ein von Mauern eingefaßter Weg, der wie eine Schnecke dem Fluchtpunkt zuschleicht, ist das Zeichen lähmender Angst. So ist vielleicht noch nie die Landschaft des Petroleumreviers gesehen worden: eine negative Landschaft, deren Bäume Telegraphendrähte sind. Sie frißt die Menschen, sie verschlingt buchstäblich den Zuchthäusler und seinen Begleiter. Die Kunst, mit der die Figuren zum Raum in eine sinnvolle Beziehung gesetzt werden, mag daher rühren, daß das russische Leben der gewaltigen russischen Landschaft noch tief verhaftet ist.

Siegfried Kracauer, Frankfurter Zeitung vom 8.11.1929 (in: S. Kracauer: Werke, Bd. 6.2, Frankfurt/M., S.293-294).
(Ausführlicherer Textausschnitt weiter unten)

Virtuosität ist wohl der treffendste Begriff, um möglichst zusammenfassend die hervortretenden Züge von Rooms Film zu bezeichnen. Room ist ein wahrer Virtuose, der die Ausdrucksmittel und Stilelemente des sowjetischen Stummfilms bis zur höchsten Vollkommenheit steigert. (...) Jede Einstellung besticht durch ihre meisterhafte Komposition und spricht von dem klugen dramaturgischen Einsatz des Raums im Film.

Jerzy Toeplitz: Geschichte des Films, Bd. 1, München 1973, S.359.

(...) für die Weiterentwicklung der Filmkunst ist Fühlungsnahme mit alledem, was in Film-Rußand geschieht, notwendig. Ausbau gewonnener Positionen, Vorstoß ins Neue, werden erleichtert durch Diskussion. Stoff zu solchen Auseinandersetzungen ergeben zu haben, mehr als ein gutes Dutzend konventioneller Spielfilme, darin liegt die Bedeutung dieses MENSCHENARSENAL.

Hans Feld in: Film-Kurier 11.Jg. Nr.263, 5.11.1929.
(Filmkritik weiter unten)

Weiterer Text und ausführlichere Textauszüge

(...) der Film [MENSCHEN-ARSENAL] scheint aus dem Nichts zu kommen und kann allenfalls mit den Werken späterer Autorenfilmer wie Sjöberg, Resnais oder Welles verglichen werden. MENSCHEN-ARSENAL ist ein einzigartiger, bizarrer und unerwarteter Film, wie Raymond Borde 1970 in der Zeitschrift Midi-Minuit Fantastique schrieb. Seine Originalität beginnt mit dem Drehbuch, bei dem es sich um die Adaption einer Novelle (Le rendez-vous qui n'a pas eu lieu) des französischen Schriftstellers Henri Barbusse handelt, deren Handlung - durchaus ungewöhnlich für das sowjetische Kino (...) - in Lateinamerika, also im Ausland spielt.

(...) Das Thema ist ideologischer Natur, eng verbunden mit der revolutionären Arbeiterbewegung. Der Film behandelt es in zwei Teilen. (...) Der erste Teil ist von geradezu erschlagender visueller Kraft. Er verbindet einen Dekor von geometrischer Plastizität mit expressionistischer Figurenzeichnung und einer sehr effizienten avantgardistischen Montage. Der zweite Teil ist klassischer, mit zahlreichen Außenaufnahmen (...).

Dieser deutliche ideologische Aspekt könnte vermuten lassen, dass es sich um einen reinen Propagandafilm handelt. Dies ist nicht der Fall. Natürlich ist von Revolution und Klassenkampf die Rede, aber diese ideologische Frage, die das Erscheinen des Films legitimierte, scheint heute in den Hintergrund zu treten und als Rahmen eines film noir zu dienen. (...) Room ist es gelungen, das ideologische Problem, das jeden sowjetischen Film begleitete, gewissermaßen einer fantastischen Handlung unterzuordnen, die den politischen Aspekt zugunsten metaphysischer Fragen, wie dem Verhältnis zum Tod, abschwächt. (...)

MENSCHEN-ARSENAL funktioniert in der Tat wie ein Genrefilm (zwischen Kriminalhandlung und initiatorischer Suche) (...). Room gelingt es in seinem gesamten Film, einem typisch sowjetischen Handlungsgerüst (dem Klassenklassenkampf) eine Atmosphäre des Fantastischen aufzupfropfen. Man befindet sich die ganze Zeit über an der Grenze zwischen Realität und Traum - keiner hermetisch abgeschlossenen Grenze allerdings, sondern einer nicht definierten Zone, wo Realität und Traum sich unmerklich durchdringen. Ein Niemandsland, in dem der Protagonist José wie ein Gespenst herumirrt. (...)

(...) Kunstvoll. Das ist sicher das Wort, mit dem dieser Film zu bezeichnen ist. Denn es handelt sich in der Tat um große Kunst. (...) was Room an diesem Film zu interessieren scheint, ist nicht, was er aussagt, sondern was er erzählt. Wie Kino erzählen kann. (...) MENSCHEN-ARSENAL ist ein Film "jenseits des Kinos", auf das Zeit und Raum keinen Einfluß haben, ein Film, von dem man sagen möchte, dass er nicht nur seiner Zeit voraus war, sondern auch der unseren.

Franck Lubet in: Cadrage.net 2/2003.
Französischer Originaltext

MENSCHEN-ARSENAL - ein Russenfilm nach einer Novelle von Barbusse, die in einem der amerikanischen Südstaaten [Lateinamerika] spielt. (...)

Sei es durch die Schuld der Novelle oder der Regie A.[bram] Rooms: der Film macht es sich mit der Verteilung von Recht und Unrecht denn doch zu leicht. (...)

Das moralische Gebrechen wirkt sich im ästhetischen Medium aus. Da man auf Argumente verzichtet, muß der landesübliche Realismus häufig genug einer Stilisierung von durchscheinender Hohlheit weichen. (...)

Immerhin bezeugen einige Bilder echtrussische Herkunft. Mit unvergleichlicher Meisterschaft ist wieder der Raum bewältigt. Der Zuchthaushof wird durch Aufnahmen von oben zur Wüste geweitet, ein von Mauern eingefaßter Weg, der wie eine Schnecke dem Fluchtpunkt zuschleicht, ist das Zeichen lähmender Angst. So ist vielleicht noch nie die Landschaft des Petroleumreviers gesehen worden: eine negative Landschaft, deren Bäume Telegraphendrähte sind. Sie frißt die Menschen, sie verschlingt buchstäblich den Zuchthäusler und seinen Begleiter. Die Kunst, mit der die Figuren zum Raum in eine sinnvolle Beziehung gesetzt werden, mag daher rühren, daß das russische Leben der gewaltigen russischen Landschaft noch tief verhaftet ist.

Siegfried Kracauer, Frankfurter Zeitung vom 8.11.1929 (in: S. Kracauer: Werke, Bd. 6.2, Frankfurt/M., S.293-294).

Ein Russen-Film im "Atrium"

Menschen-Arsenal

Nach langer Pause mal wieder einmal ein Russenfilm. (...)

Wo steht der Russenfilm heute... Man sagt, sie stellten sich drüben stark auf Tonfilm um, bedauerten es, so viel Zeit versäumt zu haben.

(Ihr logischster, filmischster Kopf, S.M. Eisenstein, hat für sich die Frage bereits entschieden: Er rechnet auch mit dem Ton. Sitzt zurzeit in London und bastelt mit Edmund Meisel an der Synchronisierung der "Generallinie".)

Organischer Aufbau, planmäßige Erarbeitung, Ausgleich zwischen Industrialisierung und Künstlerischem, darin hat bisher das Schwergewicht des Russenfilms gelegen.

Mit dieser Systematik, die Beherrschung der Technik als Basis betrachtet, die Regie und Manuskriptschreiben ebenso vom Handwerklichen her deduziert - erlernbar also auch für Durchschnittsbegabungen - wie Architektur und Kamera, die exakten Künste... Mit dieser Aufteilung des Stoffs also haben die Russen jahrelange Verspätung aufgeholt, erstarrte Produktionen in Amerika und Deutschland überholt.

Heute zeigt sich bei ihnen die gleiche Gefahr: Es ist die Hypertrophie der Technik, die den Schöpfergeist zu lähmen droht.

Wie mans macht, das wissen sie drüben ganz genau. Sie wissen es zu gut. Schon ist das Schnittprinzip, der Standpunkt der Kamera starr geworden. Das Manuskript, mit der obligaten Schluß-Revolution verzuckert, wird Dogma ohne Inhalt.

Auch hier mündet die Konsolidierung des Revolutionären um jeden Preis im Reaktionären.

Bis zur Idylle geht dieser Film zurück. Der aus dem Zuchthaus in Urlaub geschickte Revolutionär pflückt sich ein Blümelein (leider weiß), killt ums Haar seinen sonny boy. Indeß der Böse im Oelsumpf versinkt; so träumt der Held wenigstens.

Selbst da noch klatschen Parteigänger. Das Moor hat seine Schuldigkeit getan.

Und dann, und dann die unsagbar naive Einstellung zum Schluß, der partout opportunistisch enden muß. Hier leuchten Fanale, ansonsten rot, in mildem rosa. Revolutioniert, wo ihr so viel getan, auch endlich einmal eure Ideologie!

Wie siehts denn in dem von Room konfektionsmäßig sauber angefertigten Film (Schnittmuster-Patent U.d.S.S.R. Nr. 1001) damit aus: Marterleben in einem Zuchthaus - das immerhin so modern eingerichtet ist, mit Wasser-Spülklosett und geräumigen Zellen, wie keines vermutlich in der ganzenSowjetunion. (Dort stecken freilich die bösen Sozialisten als Gefangene drin.)

Für zehnjährige, gute Führung erhalten die lebenslänglich Verurteilten einen Tag Urlaub; bei welchem sie für gewöhnlich von dem begleitenden Geheimpolizisten der weißen G.P.U um die Ecke gebracht werden. Glückliches Land, in dem politsiche Morde immerhin nur alle Dezennien passieren.

Sinnlos, es zu vertuschen: Die Exkursion ins Südamerikanische, die Aufgabe des Bodenständigen, ist den Russen schlecht bekommen. Ein Thema von Barbusse, Handlungsort in den Staaten, made in Russia, das ergibt noch längst keinen internationalen Film.

(Kein Zufall, daß in diesem Atelier-Amerika die Beförderung mittels Pferdegespann vor sich geht. So weit zurück hinter der Zeit ist man.) Wundervoll aber, noch hier, die Raumaufteilung.

Kreissegment des Zuchthausrunds, mit dem winzig kleinen Menschen drin. Straßen, mauernflankiert, die zum Zuchthaus führen, Riesendimensionen eines Herrscherstuhls, in dem sich der Knutenzar der gefangenen verkriecht. Diese Einbeziehung des Raums in die Handlung, kaum zuvor zu solcher Vollendung gebracht, wirkt suggestiv.

(Dem deutschen Publikum wird das Verständnis durch die merkwürdige Unmotiviertheit der letzten Szenen nicht unwesentlich erschwert. Da behilft sich der sonst gewandt arbeitende Negativdramaturg Eugen Boyar mit Doubeln bereits verwandter Stücke.)

In Summa: Wer, was die Russen an filmschöpferischer, wegeweisender Arbeit bislang geleistet haben, bewundert; wer es mit dem russischen Film und seiner Verbreitung über die Welt gut meint, kann vor einer Fortsetzung der mit dem "Spion von Odessa" begonnenen Linie nur ernstlich warnen. Man freut sich, trotz alledem wieder ein Werk der Russenmarke zu sehen. Denn für die Weiterentwicklung der Filmkunst ist Fühlungsnahme mit alledem, was in Film-Rußand geschieht, notwendig.

Ausbau gewonnener Positionen, Vorstoß ins Neue, werden erleichtert durch Diskussion. Stoff zu solchen Auseinandersetzungen ergeben zu haben, mehr als ein gutes Dutzend konventioneller Spielfilme, darin liegt die Bedeutung dieses "Menschenarsenal".

Produktion: Sowkino, Moskau.
Verleih: Prometheus-Film.
Länge des Films: 2371 Meter, sieben Akte.
Weiße Zensurkarte: Für Jugendliche verboten.

Hans Feld in: Film-Kurier 11.Jg.. Nr.263, 5.11.1929.




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