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Der Mann von der Insel Man (The Manxman) |
Großbritannien 1929
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Eliot Stannard nach dem Roman von Hall Caine
Kamera: Jack Cox
Darsteller: Anny Ondra, Carl Brisson, Malcolm Keen, Randle Ayrton, Clare Greet, Kim Peacock, Nellie Richards, Wilfred Shine, Harry Terry
Produktion: British International Pictures
Premiere: 6.12.1929
Archiv: British Film Institute, London
Farbe: schwarz weiß
Länge: 101 Minuten
Zwischentitel: englisch
Musikbegleitung: Neil Brand (Flügel) und Michael Klevenhaus (Gesang)
"Das einzig Interessante an THE MANXMAN ist, daß es mein letzter Stummfilm war", sagt Hitchcock lapidar zu François Truffaut. Vielleicht, weil der Film nicht zum Bild des "Master of Suspense" paßte, das Hitchcock gerne von sich in der Öffentlichkeit präsentierte? Es ist eine dramatische Liebesgeschichte, die in einen ausweglosen moralischen Konflikt mündet, mit viel gälischem Lokalkolorit in den Charakteren und Landschaften.
Vor allem tritt hier das sexuelle Element unverhüllt in Erscheinung auf eine Weise, die in der so forschen, männlichen Welt der englischen Hitchcock-Filme überrascht. Das muß wohl an der ungewöhnlichen Wesensart von Anny Ondra gelegen haben, die vielleicht als erste in Reinkultur die klassische Hitchcock-Blondine verkörperte. Auf einmal steht da eine blutvolle, sinnliche Frau vor uns, eine, von der wir uns vorstellen können, daß sie einen derart leidenschaftlichen Konflikt zwischen ihren beiden Jugendfreunden auszulösen vermag - auch daß sie, durchaus nicht unbeteiligt, von ihrer Leidenschaft zerrissen wird: eine Frau, die mehr ist als bloß eine leichtsinnige Kokette. Zum Teil muß das auch an ihrer Verwurzelung in der Schule des deutschen Films gelegen haben. Als die Leidenschaft sie packt (als ihr Verlobter, der Fischer, auf hoher See verschollen ist, entdecken sie und sein bester Freund ihre Liebe zueinander), wirft sie sich dem liebenden Mann so stürmisch und hingebungsvoll, so unvermittelt und ohne Übergang in die Arme wie eine Figur aus einem expressionistischen Drama.
John Russell Taylor: Die Hitchcock-Biographie; München/Wien 1980
Zum ersten Mal greift Hitchcock ein späteres Lieblingsmotiv auf. Die Situation ist sublim, schwindelerregend ausweglos und zugleich völlig ungekünstelt, sie gründet weder in der Bosheit der Figuren noch in der Unerbittlichkeit des Schicksals. Hitchcock beschreibt minutiös, umfassend und ohne Ausflüchte den moralischen Konflikt dreier Menschen, deren Handeln über jeden Vorwurf erhaben ist. Die Schuld liegt bei der menschlichen Gattung selbst. Die konventionelle Moral ist ohnmächtig und kann die Probleme nicht lösen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muß sich seine eigene Ethik schmieden.
Éric Rohmer, Claude Chabrol: Hitchcock; Paris 1957