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JEWREISKOJE STSCHASTJE
DAS JÜDISCHE GLÜCK
UdSSR 1925 - Regie: Alexej Granowski - Kamera: Edvard Tissé, Vasilij Hvatov, N. Strukov - Darsteller: Solomon Mikhoèls, Sasa Epstejn, Mosche Goldblat, T. Hazak, Tamara Adelgejm - Produktion: Goskino - Premiere: 12.11.1925 (Moskau) - Farbe: schwarzweiß - Archiv: Filmmuseum München - Länge: 1.891 Meter, 83 Minuten (20 B/s) - Zwischentitel: russisch
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Kein späterer sowjetischer Film hat je wieder so wohlwollend auf die Kultur des »Stetls« geblickt und sie so offen und freimütig aufgezeichnet. Der Akzent liegt jedoch auf der jüdischen Armut. Der Film um die populäre Figur Menachem Mendl aus den Erzählungen Scholem-Alejchems beginnt mitten im Chaos von Mendls großer und hungriger Familie. Um Brot für sie zu besorgen, geht der »Luftmensch«, in der Hoffnung, dort Korsetts verkaufen zu können, nach Odessa. Mit seinem jungen Freund Salmen, gespielt von dem späteren Regisseur Mosche Goldblatt, begibt er sich auf die »krumme Straße des jüdischen Glücks«. Mendl beschließt, Heiratsvermittler zu werden.

DAS JÜDISCHE GLÜCK regt zum Vergleich mit dem gefeiertsten Film seines Jahrgangs, Chaplins GOLDRAUSCH an, mit dem er nicht nur das Thema und den zeitlichen Rahmen teilt, sondern auch das sichere Gespür für wehmütigen Klamauk und den Einsatz von Traumsequenzen. Mikhoels verleiht durch seine kleine Statur der Figur Menachem Mendls eine chaplineske Aura von heruntergekommener Noblesse und rauhem Pathos. Er ist unterwürfig, läßt sich jedoch nie unterkriegen und wächst einem so ans Herz.

In der schönsten Szene des Films träumt Menachem Mendl, er sei ein Heiratsvermittler internationaler Größe. Auf den Stufen des Hafens von Odessa trifft er eine elegante zukünftige Braut, überreicht ihr einen Blumenstrauß und macht sie mit dem legendären jüdischen Philanthropen Baron von Hirsch bekannt, der ihn darüber informiert, daß in Amerika Bräute Mangelware seien. Solcherart gefordert, »Amerika zu retten«, mobilisiert Menachem Mendl sein »Stetl«. Die mobilisierte extravagante Menge heiratswütiger Damen kann es mit dem Höhepunkt von Keatons SIEBEN CHANCEN (ebenfalls von 1925) aufnehmen. Aus heutiger Sicht erhält die Szene durch den Anblick von mit jüdischen Mädchen im Hochzeitsstaat vollgestopften Güterwaggons, die in Odessa eintreffen, um nach Übersee verschifft zu werden, allerdings einen düsteren Unterton.

DAS JÜDISCHE GLÜCK hat eine ausgeprägte Affinität zu den erst kürzlich in den sowjetischen Filmmarkt eingeführten amerikanischen Komödien. Er hat ein dynamisches Tempo und wechselt gekonnt von visuellen Gags zur Komik. Die Behandlung der Bräute als Ware besitzt etwas von der coolen Schnoddrigkeit der amerikanischen Slapstick- Komödien, ebenso wie Mikhoes brillante Darstellung. Egal ob er im Fluß badet (natürlich mit Hut und dabei Versicherungspolicen verkaufend) oder ob er einfach nur Bahn fährt, Mikhoels bringt sich jeweils mit einer phantastischen, tänzerischen Präzision ein, wobei es ihm oft gelingt, seinen Körper gleichzeitig in zwei entgegengesetzte Richtungen zu bewegen. Der Kritiker Mandelstam schrieb über ihn in einer Leningrader Zeitung: »Mikhoels erreicht den Gipfel jüdischen Dandytums. Dies ist die Ghettofigur in konzentrierter Form.«

(J. Hoberman: Bridge of Light, Yiddish film between two worlds; The Museum of Modern Art, New York 1991)

Zur englischsprachigen Originalfassung des Textes




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