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Jenseits der Strasse |
Deutschland 1929
Regie: Leo Mittler
Drehbuch: Willy Döll, Jan Fethke
Kamera: Friedl Behn-Grund
Darsteller: Lissy Arna, Paul Rehkopf, Fritz Genschow, Siegfried Arno, Friedrich Gnaß, Margarete Kupfer, Dietrich Wolfgang Henckels
Produktion: Prometheus Film-Verleih und Vertrieb GmbH
Premiere: 10.10.1929
Archiv: Filmmuseum München
Farbe: schwarz weiß
Länge: 1.865 Meter, 68 Minuten (22 B/s)
Zwischentitel: deutsch
Musikbegleitung: Joachim Bärenz (Flügel)
"Straßenfilme" hatten Ende der zwanziger Jahre in Deutschland (Zille-)Konjunktur: der Kleinbürger setzt sich den Abenteuern der Straße aus, verläßt Heim und Herd ... um am Schluß reumütig wieder dorthin zurückzukehren. Doch die Straße ist hier weit mehr als nur Stätte des Lasters und der Versuchung: Not und Elend werden sichtbar, soziale Konflikte brechen auf. Ausgangspunkt des Films war eine Zeitungsnotiz. Die Figuren sind generisch und stehen für Tausende andere: der Arbeitslose, der Bettler, die Dirne ...
Ein ungewöhnlich ernster, artistisch gemeisterter Film, der lumpenproletarisches Milieu packen und gestalten will, ein Werk mit gesellschaftskritischen Absichten.
Eine Dirne, ein Bettler, ein Arbeitsloser und ein Hehler stehen im Mittelpunkt der Handlung. "Schicksale", eingerahmt von einer Zeitungsnotiz, die irgendein Kapitalist in irgendeinem Café teilnahmslos liest: "Die Wasserleiche eines verlumpten alten Mannes wurde ausgefischt ... mit einer Perlenkette, die sich als nicht echt erwies ..."
Klarheit und Knappheit der Regie; ein balladenhaft mitreißender Rhythmus mit Motiven, die refrainmäßig wiederkehren; ein bildlich einprägsames, in der Montage gelungenes Werk. Der Regisseur Leo Mittler variiert formal begabt, durchaus originell, die Formelemente der großen russischen Filme.
Durus (= Alfred Keményi) in: Die Rote Fahne, 12.10.1929
Der Zuschauer sieht zahllose Beine von dahineilenden Menschen, bis die Kamera die Beine der Filmheldin erfaßt. Ein Mensch der Masse, nur einer unter Tausenden, die der bürgerliche Staat auf die Straße trieb ... Neben den drei Helden, der Dirne, dem Bettler und dem Arbeitslosen, spielt eine vierte "Person" eine zentrale Rolle: der Hafen. Wie selten zuvor in einem deutschen Film waren hier die Exterieurs in die Handlung einbezogen worden. Der Hafen ist es, der die Menschen prägt, sie beeinflußt, von dem sie leben oder auch nicht leben. Man wird hier zeitweise an Josef von Sternbergs berühmten Film DIE DOCKS VON NEW YORK (1928) erinnert. Die zeitgenössische Kritik hebt diese Seite des Films immer wieder besonders hervor. Die Fotografie des jungen Kameramanns Friedl Behn-Grund galt als beeindruckendes Novum in der deutschen Kinematographie.
Michael Hanisch, in: Filmblätter, 1974