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DAS INDISCHE GRABMAL: DER TIGER VON ESCHNAPUR |
Deutschland 1921 -
Regie:
Joe May -
Drehbuch:
Fritz Lang und
Thea von Harbou
nach dem Roman von
Thea von Harbou -
Kamera:
Werner Brandes -
Darsteller:
Conrad Veidt,
Mia May,
Olaf Fönss,
Erna Morena,
Bernhard Goetzke,
Lya de Putti,
Paul Richter,
Georg Richter,
Georg John,
Max Adalbert -
Produktion:
May-Film GmbH
im Rahmen der Europäischen
Film-Allianz, Berlin -
Premiere:
19.11.1921
Ufa-Palast am Zoo, Berlin -
Format:
35mm -
Länge:
2.244 Meter,
82 Minuten (24 Bilder/sec) -
Farbe:
mehrfarbig viragiert -
Zwischentitel:
deutsch
Musikbegleitung: Aljoscha Zimmermann
& Sabrina Hausmann
Das indische Grabmal. Zweiter Teil
"Ein Mysterium? Nein! Ein Mysterium ist aus dem Roman von Thea v. Harbou nicht geworden, aber ein Film, vor dem auch das Ausland wieder Respekt haben wird. Es ist das Schicksal aller Romane, auch der besten, daß sie dem Film nicht geben, was des Filmes ist, was überhaupt den vorbildlich guten Film erst ausmacht: Handlung ohne Sentiments. Reflexion, im Roman erlaubt, ist im Film verboten; es gibt aber nicht einen Bearbeiter, der sich ganz von der romanhaften Reflexion loslösen könnte.
So tritt auch im zweiten Teil des "Indischen Grabmal", in dem von der Rache des Fürsten von Eschnapur erzählt wird, das Gedankliche in den Hintergrund, und es bleibt nur das reine Geschehnis übrig. Das Stoffliche allerdings ist mit eindrucksvoller Kraft gemeistert, und man erblickt Bilder oft von bestrickendem Reiz. Auch solche, die vielleicht nicht jedermanns Geschmack sind, so der Hof der Aussätzigen, in dem jammervoll aussehende Gestalten herumkriechen. Vielleicht ein sehr glücklich getroffenes Regiekunststück, aber mehr medizinisches Objekt als Ausschnitt eines Unterhaltungsfilms. Was Thea von Harbou Mysterium nennt, wird im Film nicht geheimnisvoll; eine Idee aus Hauptmanns "Armen Heinrich" klingt an; auch hier soll sich eine Frau opfern, um dem vom Aussatz befallenen Geliebten das Leben zu retten. Aber nicht durch die Kraft der Liebe wird er geheilt, sondern durch die Kunst des Yoghi, der dadurch das Unrecht des Fürsten gutmachen will. So bleibt dem Film nur zu schildern übrig, wie der Fürst Rache an seinem Weib nimmt, das ihn mit dem englischen Offizier Mac Allan betrogen hat. Wir sehen prachtvoll inszenierte Verfolgungen, als besondere Sensation, den Hof mit den Tigern, von denen Mac Allan getötet wird (das ist ein Augenblick schauernder Spannung) und eine gefährliche Flucht über Berge und an Schluchten vorbei. Die Bauten sind pompös, die Innenarchitektur überaus glanzvoll, die Szenerie von naturtreuem Eindruck. Eine starke Helferin zum Erfolg ist die Darstellung. Mia May ist anfangs etwas farblos, wird aber im Verlauf des Spiels stärker. Conrad Veidt geht zu wenig aus sich heraus, ist nur gezügelte Wildheit und versucht durch das Spiel seiner Augen sein Gefühl zu verraten. Erna Morena - man hätte auch von ihre eine Großaufnahme gesehen - ist wieder großes Format. Olaf Fönß hat eine wenig dankbare Rolle; Goetzke ausgezeichnet als Yoghi. Paul Richter und Lya de Putti sind vortrefflich. Joe May als Spielleiter verdient ein Extralob.
-n- in: Film-Echo. Beilage zur Sonderausgabe des 'Berliner Lokal-Anzeigers' Nr.9, 21.11.1921.
"Das indische Grabmal". II. Teil: "Der Tiger von Eschnapur". Regie: Joe May. Manuskript: Thea von Harbou und Fritz Lang. Dekorative Ausgestaltung: Martin Jacoby-Boy und Otto Hunte. Aufnahmeleitung: Robert Wüllner. Photographie:
Werner Brandes. Fabrikat: May-Film der Efa. (Ufa-Palast am Zoo.)
Auch der zweite siebenaktige Teil dieses großangelegten Films blendet vor allem durch die fabelhafte Ausstattung und man kann wohl sagen, daß der Haupterfolg ein Verdienst des Architekten ist. Der Tempelbau mit der Riesenfigur der Gottheit ist von imposanter Wirkung: er wird noch übertroffen durch das Grabmal der Fürstin, das erst am Schluß und leider nur für wenige kurze Augenblicke sichtbar wird. Viel mühevolle Arbeit ist hier für die vergänglichste aller Künste verschwendet. Der Kuppelbau mit der großen Freitreppe hebt sich in harmonischer Schönheit gegen den hellen Himmel ab und rechtfertigt den Ruhm des Baumeisters, der ihn schuf. Auch die sonstige Ausstattung ist wiederum äußerst prächtig. Die Regie ist ein wenig schleppend und vertrüge zeitweise etwas mehr Tempo. Man hat sich in eine Manier hineingespielt, die dem Sujet nicht immer angemessen ist. Abgesehen davon steht die Darstellung auf der Höhe des ersten Teils. Neben Conrad Veidt, Olaf Fönß, Mia May, Erna Morena, Bernhard Goetzke und Lia Putti kommt auch Paul Richter als Mac Allan mehr zur Geltung, da er vielfach im Vordergrund des Interesses steht.
Die Handlung schließt eng an den Schluß des ersten Teiles an. Irene erfährt auf ihre wiederholten Bitten bei dem Fürsten, Rowland wiederzusehen, daß er durch den Fluch des Büßers aussätzig geworden und in den Hof der Aussätzigen verbannt ist. Um ihn zu retten, entschließt sie sich nach hartem Kampf, sich selbst als Opfer darzubringen. Ramigani heilt darauf Rowland im Tempel der Gottheit vor den Augen Irenes. Als sie aber in dem unbekannten Gott, der aus lichtdurchfluteter Tür tritt, um ihr Opfer zu fordern, den Fürsten selbst erkennt, greift sie zum Dolch, um ihrer Schmach zu entgehen. Der Fürst schenkt ihr darauf das Opfer. Inzwischen ist Mac Allan von den Tigerjägern des Fürsten gefangen und in einen Kerker geworfen worden. Es gelingt ihm noch einmal, sich daraus zu befreien und in die Gemächer Rowlands und Irenes zu fliehen. Hier findet ihn der Fürst. Auf Irenes Bitten verspricht er ihr, daß kein Mensch ihm ein Haar krümmen soll. Er läßt ihn durch den Tigerhof führen, wo er eine Beute der Bestien wird. Rowland und Irene, die für die Fürstin fürchten, der die Rache des Fürsten noch bevorsteht, beschließen nun zu fliehen und die Fürstin mitzunehmen. Es gelingt ihnen auch, ins Gebirge zu entkommen, aber der Fürst erreicht sie an einer Hängebrücke, die über einen Abgrund führt. Irene, die als letzte zurückblieb, kappt die Seile der Brücke, um die Fürstin zu retten. Diese stürzt sich jedoch selbst in den Abgrund, um ihre Schuld zu büßen. An ihrer Leiche bricht der Fürst zusammen. Rowland baut nun der toten Fürstin das Grabmal und der Fürst, dessen Leben an seiner Rache zerbrochen ist, verbringt seine Tage als Büßer an den Stufen des Grabmals, das die Frau umschließt, die ihm teuer war.
Ludwig Brauner, in: Der Kinematograph, Düsseldorf, 15.Jg., No.771, 27.11.1921.
Das indische Grabmal II. Teil: Der Tiger von Eschnapur (Ufa-Palast am Zoo). Heute das abschließende Wort.
An diesem Film, in der Gesamtheit betrachtet, ist viel gesündigt worden; er ist, vorwiegend in seinem ersten Teil, von einer überwältigenden Schwäche, er ist in seiner inneren Struktur ungleichmäßig und entspricht an vielen Stellen wenig den Voraussetzungen für das "filmische" Gelingen, und dies zumeist gerade an den Stellen, die bei Filmen geringerer Ambition die Anwendung einer geringeren geistigen Kultur zulassen; - aber diese nachteiligen Sinnwidrigkeiten sind beim zweiten Teil, mit dem das Werk fertig vorliegt, auf ein Minimum beschränkt, und damit ist manches ausgeglichen, manches von den sorgsam genährten Erwartungen erfüllt worden. Manches -, nicht alles natürlich. Die Fadenscheinigkeit der denkbaren Zusammenhänge ist auch durch den besseren, gelegentlich sogar vorzüglichen zweiten Teil nicht überwirkt, die Zauberkraft des Yoghi und die Existenz des asiatischen Märchenfürsten stellen an die Neutralität des Intellektuellen zu hohe Ansprüche, als daß er auch hier das Menschliche vor dem Architektonischen, das Künstlerische vor dem Gekünstelten empfinden könnte. Das Abenteuerliche gespenstert durch die Akte und macht sie zu einem Bilderbogen, einem kostspieligen Zeitvertreib, der aus "Tausend und einer Nacht" entsprungen zu sein scheint - oder aus den Erzählungen Hemacandras, des Schülers des Dewacandra. Und das halte ich, nach wie vor, für die Sünde am Unternehmen, die den großen Passiv-Posten bildet.
Der Aktiv-Posten liegt in der Straffheit und Konsequenz des zweiten Teiles, des "Tigers von Eschnapur". Hier geschieht, da die Charaktere nun einmal vorhanden sind, die bedingungslose, naturgegebene Durchführung der Handlung: dem Fürsten Ayan gelingt es, sich in den Besitz des Engländers Mac Allan zu setzen, er gibt dem Architekten Herbert Rowland die doppelzüngige Zusage, Mac Allan werde durch Menschenhand kein Haar gekrümmt werden, läßt diesen dann aber von seinen Tigern zerfleischen. Auch Mirrjha, die Vertraute der ungetreuen Fürstin, verfällt seiner Rache, sie wird während eines Tanzes einem Schlangenbiß ausgesetzt, und erst als die Fürstin Savitri sich auf der Flucht selbst den Tod gibt, findet Rowland sich bereit das indische Grabmal zu errichten, um dessentwillen er nach Eschnapur kam.
Für diese Handlung wurde eine große Anzahl sehr schöner und nachwirkender Bilder ersonnen, hier ist es Joe May gelungen, die Steifheit eines fremden Milieus mit jener Bewegung zu beleben, die nicht in gleichgültigen Massenszenen ihre Ursache hat. Die Streife der Tigerjäger hinter dem flüchtigen Mac Allan gehört dazu, weiter Mac Allans Ausbruch aus dem Gefängnis und sein Tod im Tigerzwinger. Wahrscheinliches Tempo liegt in der Not Irenes im Hof der Aussätzigen, in der Flucht der Fürstin über die Hängebrücke und ihrem selbstgewählten Absturz, packend ist die Zusammenbringung der Krokodilaufnahmen mit dem versinkenden Inder, der das rettende Boot fast erreicht hat, und vorzüglich ist die Steigerung der Sensation in den Schlußbildern, die Vergrößerung der Eindrücke des fertigen Grabmals durch den schrittweisen Uebergang vom kleinen Innenraum zum Gesamtexterieur. Viele kleine Einfälle durchtränken die Einzelheiten: die an den Fesseln nagenden Mäuse, der Speerwurf über das Wasser und der Absturz des girrenden Aussätzigen von der Zugbrücke seien als augenfällige Beispiele genannt. Willkür aber herrscht abermals in vereinzelten Formulierungen: es ist nicht recht verständlich, was Irene unter dem Selbstopfer verstanden hat, bis sie in der allerdings etwas abstoßenden Kostümierung des "Gottes der Büßer" urplötzlich den Fürsten Ayan erkennt. Schließlich mußte ihr ein bekannter doch eher recht sein - als ein Unbekannter. Warum Rowland für seine Flucht ausgerechnet auf das langsame Paddelboot verfällt, anstatt ein flügges Motorboot zu benutzen, ist gleichfalls unerfindlich, denn nach den Gesetzen der Logik, wenn schon einmal das Mysterium aussetzt, nimmt der Fliehende stets das schnellere Mittel, ganz abgesehen davon, daß ein gefilmter Architekt naturgemäß die drei Handgriffe an einem Bootsmotor beherrscht. Erstaunlich aber ist, daß Irene die Hängebrücke auf der verkehrten Seite abschneidet; es schien doch ein Leichtes, dem Paar zur andern Seite zu folgen. Auch Fehler der Darsteller sind nicht selten: Mac Allan kommt trotz der Schleiffahrt durch den Sand mit tadellosem Scheitel im Gefängnis an, und hatte sicherlich keine Hand frei, wie dies Rowland sagen kann, der trotz seines Ausschlages am Kinn und seiner wohl mehrtägigen Internierung glattrasiert aus dem Hofe des Aussätzigen wiedererscheint. Kleinigkeiten sind das, welche stören.
Daneben bieten diese letzten sieben Akte phototechnisch viel Erfreuliches, es sei denn, daß das erste Bild der großen Mauer um den Hof der Todkranken zu flächig, zu schattenfrei erfaßt ist. Die Abblendung ist auch durchweg wieder ausschließlich zentrisch vorgenommen, wodurch bedeutungslose Bildteile zu lange festgehalten werden.
In der Darstellung steht eine Nebenfigur im Vordergrunde: die Mirrjha Lya de Puttis. Sie verleiht der ergebenen Dienerin durch Erscheinung und Spiel Züge wirklicher Feinheit, sie ist in ihrer ängstlich kauernden, gleichsam immer furchterfüllten Mimik des ganzen Körpers, in ihrer instinktiven Besorgtheit und der heißen Aufwallung steter Gegenwehr eine starke Persönlichkeit künstlerischer Klarheit, die jeder ihrer Szenen Spannung und Farbe gibt. Unzweifelhaft der Gewinn dieses Films. Ihr zunächst steht Conrad Veidt als Ayan; wo ihn seine asiatische Starrheit verläßt, wird er dieses Mal ein wenig unbeholfen, sein Zittern wird - ich möchte sagen: - unehrlich, die Uebergänge ins Sentimentale werden larmoyant; wo er aber in der einmaligen Einstellung aus Selbstherrlichkeit und Absolutismus verharren kann, ist er der gleiche wie im ersten Teil. Auch Paul Richter als Mac Allan hat bessere Gelegenheiten, sich zu entfalten, er arbeitet, ihnen entsprechend, mit groben Mitteln, rundet aber seine Darstellung zu einer scharfen, sympathischen Persönlichkeit ab. Weiter müssen wieder Olaf Fönß, Mia May, Erna Morena und Bernhard Goetzke aufgezählt werden, über die die Kritik ihre Aeußerungen vom letzten Male wiederholt.
Ueber die Autoren des Manuskriptes war an gleicher Stelle bereits gesprochen, ebenso über die technischen und künstlerischen Urheber.
J-s. in: Film-Kurier 3.Jg. Nr.271, 21.11.1921.