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DAS INDISCHE GRABMAL: DIE SENDUNG DES YOGHI |
Deutschland 1921 -
Regie:
Joe May -
Drehbuch:
Fritz Lang und
Thea von Harbou
nach dem Roman von
Thea von Harbou -
Kamera:
Werner Brandes -
Darsteller:
Conrad Veidt,
Mia May,
Olaf Fönss,
Erna Morena,
Bernhard Goetzke,
Lya de Putti,
Paul Richter,
Georg Richter,
Georg John,
Max Adalbert -
Produktion:
May-Film GmbH
im Rahmen der Europäischen
Film-Allianz, Berlin -
Premiere:
22.10.1921
Ufa-Palast am Zoo, Berlin -
Format:
35mm -
Länge:
2.692 Meter,
98 Minuten (24 Bilder/sec) -
Farbe:
mehrfarbig viragiert -
Zwischentitel:
deutsch
Musikbegleitung: Aljoscha Zimmermann
& Sabrina Hausmann
"Das indische Grabmal." Nach dem gleichnamigen Roman von Thea von Harbou. Manuskript: Thea von Harbou und Fritz Lang. Regie: Joe May. Dekorative Ausgestaltung: Martin Jacoby-Boy und Otto Hunte. Kostümentwürfe: Martin Jacoby-Boy. Aufnahmeleitung: Robert Wüllner. Photographie: Werner Brandes. Musik: Wilhelm Löwit: Fabrikat: May-Film der Efa. Verleih: Ufa. (Ufa-Palast am Zoo.)
1.Teil: "Die Sendung des Yoghi." Ein Mysterium in einem Vorspiel und 5 Akten.
Dieser erste Film des Efa-Konzerns, der mit amerikanischem Geld hergestellt wurde, und der ein Meisterwerk deutschen Könnens, deutscher Regie, deutscher Baukunst, deutscher Technik und Darstellungskunst werden sollte, hat die Erwartungen nicht enttäuscht. Er übertrifft an Großartigkeit alles bisher Dagewesene und ist besonders an Pracht der Ausstattung wohl kaum zu überbieten. Das indische Milieu gibt Gelegenheit zu märchenhafter Prachtentfaltung. Man merkt, daß Geld bei der Herstellung gar keine Rolle gespielt hat. Der häufige Wechsel der Schauplätze erfordert stets neue architektonische Schöpfungen, in denen die Phantasie ihrer Erbauer sich frei entfalten konnte. Der Palast des Fürsten mit den zahlreichen Hallen und Gemächern, der Tigerturm, die Einzugstore, die Pergola im Garten des Fürsten, der exotische Geflügelhof und so vieles andere sind Kunstwerke, bei denen man die Vergänglichkeit bedauert. Dieses ganze auf märkischem Land erbaute Indien mit Palästen und Dschungeln, bevölkert mit allerlei exotischen Tieren, mit Elefanten, Tigern, Krokodilen und seltsamen Gevögel, mit Maharadschahs und extatischen Büßern, ist erfüllt von der Seele des Wunderlandes Indien, in das die Phantasie der Dichterin führt.
Der Fürst von Eschnapur schickt einen Yoghi (einen Büßer, der sich lebendig begraben läßt und wenn er aus dem totenähnlichen Schlaf erweckt wird, jeden Wunsch des Erweckers erfüllen muß), nach Europa, um den Baumeister Rowland zu veranlassen, nach Indien zu kommen, wo er ein Grabdenkmal für die Fürstin errichten soll. Es darf aber niemand von der Reise wissen, auch seine Braut Irene nicht. Nach langem Zögern folgt Rowland dem Ruf. Eine Privatjacht des Fürsten bringt ihn nach Eschnapur, wo er mit großem Prunk empfangen wird. Als er erfährt, daß die Fürstin, für die er das Grabdenkmal erbauen soll, noch lebt, aber dem Tode geweiht ist, weil sie ihre Liebe einem Europäer, dem englischen Offizier Mac Allan, schenkte, weigert er sich, den Bau auszuführen. Der Fürst läßt ihm Bedenkzeit, mit dem Verbot, abzureisen. Inzwischen hat Irene eine Spur gefunden und ist ihrem Verlobten nachgereist. Der Fürst empfängt sie sehr zuvorkommend, versichert ihr, daß Rowland sich wohlbefindet, bittet sie aber, sich ihm nicht zu zeigen, damit er seine Gedanken ganz auf sein Werk konzentrieren kann. Auf ein aufflackerndes Begehren in seinen Augen entlieht sie, verirrt sich in den Gängen des Palastes, gerät in den Saal der Büßer, die in den absonderlichsten Stellungen, an den Beinen hängend, auf Nadeln liegend, im Sand vergraben, unbeweglich verharren. Von Entsetzen gejagt kommt sie an ein schweres eisernes Tor, das, wie sie glaubt, ins Freie führt, gerät aber in den Tigerkäfig, durch den sie jedoch die hypnotische Kraft des Yoghi unbehelligt hindurch führt. Vor einer Tür des Palastes bricht sie bewußtlos zusammen. Von nun an beschränkt der Fürst ihre Bewegungsfreiheit. Im Geflügelhof entdeckt sie Brieftauben und versucht mit ihrer Hilfe den Konsul in Bombay um Beistand zu bitten. Bald darauf sendet ihr der Fürst in einem kostbaren Kästchen die tote Brieftaube. Inzwischen hat der Fürst seine Häscher ausgeschickt, um den Geliebten der Fürstin lebendig einzufangen. Eine Tigerjagd leistet den Vorwand. Es gelingt jedoch Mac Allan zu entkommen. Als Rowland durch eine Dienerin der Fürstin erfährt, daß der Offizier in Gefahr sei, beschließt er, seinen Widerstand gegen den Bau des Denkmals aufzugeben, in der Hoffnung, so besser Gelegenheit zu haben, Mac Allan und die Fürstin zu retten. Damit schließt der erste Teil.
Der Maharadscha ist Conrad Veidt, der Baumeister Olaf Fönß, - Morgenland und Abendland in Erscheinung und Charakterzeichnung, beide selbstbewußte Naturen, Veidt mit der Liebenswürdigkeit, aber auch der fanatischen Grausamkeit des Asiaten, Fönß mit der versöhnlicheren Kultur des Europäers. Ganz auf starren Fanatismus gestellt ist Bernhard Goetzke als Yoghi. Von seinen unbeweglichen Zügen, in denen ein unbeugsamer Wille zum Ausdruck kommt, geht etwas Unheimliches, Faszinierendes aus. Wie seine übernatürlichen Kräfte ins Bildhafte umgesetzt sind, wie geisterhafte Hände nach Briefen greifen, die Konzentration seiner Willenskraft eine Autopanne verursacht oder die Braut des Baumeisters im Einfluß seiner Hypnose ungefährdet mitten durch die Tigerschar hindurch schreitet, das sind nebenbei technische Meisterstücke von verblüffender Wirkung. Paul Richter gab den englischen Offizier frisch und sympathisch. Blond, mit neuer, sehr kleidsamer schlichter Haartracht, natürlich im Spiel und reizend wie immer, verkörpert Mia May die Europäerin des Stückes. Erna Morena als Fürstin Savitri und Lya de Putti als indische Dienerin, gaben wiederum vorzügliche asiatische Typen von großem Scharm.
Besondere Erwähnung verdienen noch die großartigen Massenszenen, der Empfang in Eschnapur, der durch Brandpfeile verursachte Brand eines Bungalows und schließlich das landschaftlich wundervolle Bild vom "Tal des Schweigens". Die Texte sind ausnahmsweise geschmackvoll und verraten die Hand der Dichterin, die sich im übrigen im Manuskript des Films nur lose an ihren Roman anlehnt, was aber dem Film nicht zum Schaden gereicht. Ludwig Brauner in: Der Kinematograph, Düsseldorf 15.Jg., No. 767, 30.10.1921.
"Das indische Grabmal" Erster Teil: "Die Sendung des Yoghi" Ufapalast am Zoo (...) Beim "Indischen Grabmal" muß das Kunstbauliche streng getrennt werden vom Inhaltlichen des Filmes. Über den Wert der Kunstbauten muß ein Berufener urteilen; wie aber diese Kulissen mit dem Inhalt des Manuskriptes ein Teilnahme weckendes Ganzes erzielen, das ist unschwer festzustellen. Der erste Teil, "Die Sendung des Yoghi", bietet sich als ein Mysterium dar. Kann ein Mysterium Teilnahme erwecken, ein Mysterium im modern-"indischen" Sinne? Ein Mysterium, das selbst in Anbetracht der Indien konzedierten Geheimnisse der Yoghi sich durch die Luft nach London transloziert? Betrachten wir es als Mysterien, wenn ein Yoghi durch die Kraft seines Wunsches einem ihm körperlich unsichtbaren Automobil den Reifen absprengt, - eine Hand, ganz allein eine Hand, durch einen leeren Raum herniedergleiten läßt, um einen Brief zu entwenden, - schwere Eisenriegel vor die Tür eines Tigerzwingers schiebt? Der Wunderglaube unseres Zeitalters sieht Mysterien anderswo, und wenn "Indien gefühlt" werden soll, so fühlen wir es nicht in diesen Beschwörungen, die für uns Mache bleiben. Es wäre billig, Filmmache zu sagen, wenn diesem Worte nicht ein unbilliger Beigeschmack anhaftete... Gewiß die Bilder, die dieser erste Teil des "indischen" Filmes gibt, sind imposant, sind überaus bunt, wechselreich und sprechen für eine immense Arbeitsentfaltung ihres Erbauers Jacoby-Boy. Sie sprechen für das enorme Kapital, sie geben einen Prunkfilm, eine beispielhafte Ausstattung auf kleinstem Raum; die Bilder verraten eine sichere spielleiterische und photographische Technik, Durchfeilung bis ins Kleinste des in der Projektion schließlich Wirksamen, - aber sie sind nichts weiter als Bevorzugung des Architektonischen, eine Art Film-Snobismus, eine Einstellung auf Einseitigkeit, eine Tendenz zum Beispiellosen, zum Unübertrumpfbaren - zum Amerikanismus. Ist das das Ziel des lebenden Bildes? Wohlverstanden: des lebenden Bildes?
Ein indischer Fürst wird hier von seiner Gattin betrogen, und er beschließt, seiner enttäuschten Liebe durch den englischen Architekten Rowland ein Grabmal zu setzen. Ohne Hinterlassung einer Spur kommt Rowland nach Eschnapur, aber Irene, seine Braut, folgt ihm, stellt sich dem Fürsten Ayan, wird jedoch von diesem dem Verlobten ferngehalten. Und Rowland gerät durch die Freundin der ungetreuen Fürstin Savitri in die Mitwisserschaft und die Intriguen am Hofe Ayans.
Das ist der Inhalt des ersten Teiles, also das, was die gewaltigen Kulissen beleben sollte. Kann aber eine menschliche Teilnahme, ein wärmeres Mitgehen, eine Verinnerlichung von diesen Vorkommnissen ausgehen, solange das Mögliche und Glaubwürdige durch sogenannte Mysterien untergraben wird? Es ist nicht zu bezweifeln, daß der Film im Publikum Beifall finden wird, aber dieser Beifall wird ein momentaner sein, der sich mit dem Bilde verflüchtigen muß; die fadenscheinigen Geheimnisse rühren nicht an der Phantasie der Beschauer, sondern an der Verwunderung über technische Trickmöglichkeiten. Und doch ist nur eine packende Stelle im ganzen Werk, nämlich die, als Irene Ammundsen den Tigerzwinger durchscheitet; das ist eine starke Passage - leider nicht einmal eine Handlung! - aber diese Stelle wirkt ... durch die menschliche Sensation.
Eine einzige solche menschliche Sensation in ganzen sechs Akten - das ist ein bischen wenig; und über diese bescheidene Ausbeute muß der szenische Aufwand hinweghelfen. Ein Film sollte um der Handlung willen gedreht werden, nicht, wie hier, um der Szenerie willen; Abenteurerfilme werden eine Spielerei, wenn mit Mysterien gekramt [gelockt?] wird, wo keine sind. Über die Regie Joe Mays ist kein Wort zu verlieren. Sie ist gut, gedämpft im Rhythmus und zusammenhängend im Bildschnitt. Olaf Fönß als Rowland, Erna Morena als Savitri, Lya de Putti als Mirrjha und Paul Richter als Mac Allan sind einfühlende Darsteller für ihre Rollen. Mia May sieht als Irene sehr gut aus. Bernhard Goetzke gibt einen sorgfältig ausgefeilten Yoghi, phantastisch in seiner weit ausgesponnenen Steifheit, zelotisch in seiner Askese und ergreifend in den ersten Bildern. Die beste Figur ist jedoch Conradt Veidt, Fürst Ayan von Eschnapur. Groß und schlank überragt er, Weltmann und Herr in jeder Geste, und dennoch ein innerlich gebrochener Mensch, das Geschehen; nur blitzartig läßt er jene asiatische Ungezähmtheit aufleuchten, an die wir so gerne auch bei den Maharadschas glauben. Die dekorative Ausgestaltung oblag neben Jacoby-Boy noch Otto Hunte; Robert Wüllner hatte die Aufnahme-Leitung, die Photographie ist das Werk Werner Brandes?. Wilhelm Löwit stellte eine unaufdringliche, vornehme Musik zusammen.
Als Eigenart des Filmes sei erwähnt, daß die Darstellernamen nicht mehr im Film erscheinen, weil "auch die Sprechbühne die Darsteller nur im Programm nenne". Dem ist entgegenzuhalten, daß sich die Sprechbühne im allgemeinen vom Lichtbild sehr unterscheidet; die Darsteller und das Provinzpublikum werden diese Neuerung kaum begrüßen, erstens gibt es nicht überall Programme, und zweitens kann die Sprechbühne aus verschiedenen Gründen darauf verzichten, daß die Namen von der Bühne her ausgeteilt werden. Es ist nicht alles gut, was neu ist.
J-s in: Film-Kurier, 3. Jg., Nr. 248, 24.10.1921.
"Das indische Grabmal" steht natürlich wieder in Tempelhof. Aber man muß zugeben, daß der Architekt (...), der mit Beton und Zement Indien in den märkischen Sand hat zaubern müssen, diesmal seine Sache viel geschickter gemacht hat, als man das bisher in Tempelhof gewohnt war. Er läßt die Bäume, Blumen, Pflanzen, er läßt jeden Ausblick in das umgebende Terrain, kurz: Alles, was eben nicht indisch ist und nicht indisch gemacht werden kann, einfach weg. Er photographiert nur die nackten, indisch frisierten Mauern und ein paar Quadratmeter Sand oder Wasser dazwischen. (...) Das etwas konfuse Manuscript gibt Gelegenheit, indischen Fakirfanatismus mit europäischer Zivilisation zusammenstoßen zu lassen. Ein aus dem Grabe auferweckter willensallmächtiger Yoghi kommt nach England. Das könnte im Lande des Telephons und der Polizei zu seltsamen, ebenso komischen wie unheimlichen Abenteuern führen. Nichts von dem! (...) Nur die ersten Szenen des Vorspiels, wie man ihn, den lebendig Begrabenen, aus der Erde buddelt, die sind gut, sehr gut. Indisch-langsam, unheimlich und fremd.
Hans Siemsen: "Noch immer Kino", in: Die Weltbühne 17.11.1921, Nachdr. Königstein/Ts. 1978, Bd. 3, S.533.