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STSCHASTJE
DAS GLÜCK
UdSSR 1935 - Regie: Alexander Medwedkin - Drehbuch: Alexander Medwedkin - Kamera: Gleb Trojanskij - Darsteller: Pjotr Sinowjew, Jelena Jegorowna, L. Nenaschewa, W. Uspenskij, G. Migorjan, Lawrenjew - Produktion: Moskinokombinat - Archiv: Kinemathek Hamburg - Farbe: schwarzweiß - stumm mit russischen Zwischentiteln - Länge: 1.771 m, 93 min. bei 18 B/s




"Ein Märchen vom armen, habsüchtigen Chmyr, von seiner Frau Anna und dem Pferd, dem satten Nachbarn Foka und auch vom Popen, der Nonne und anderen Vogelscheuchen. Gewidmet dem letzten Taugenichts der Kolchose" (Filmtitel).

Diese bereits 1934 hergestellte, aber erst ein Jahr später freigegebene Satire auf das Schicksal der Bauern vor der Oktoberrevolution und nach Einführung der Kolchosen ist einer der letzten Stummfilme von außerordentlichem Rang. In zahlreichen geistreichen und witzigen Details schildert Medwedkin darin den Weg des ausgebeuteten Bauern Chmyr in die Gemeinschaft der Kolchose, die als durchaus anfällig für Korruption und individuelle Faulheit dargestellt wird. Bemerkenswert und wohl nur erklärbar durch die isolierte Produktionsweise Medwedkins, der beständig mit seinem Kinozug unterwegs gewesen war, ist sein formaler Wagemut in einer Zeit, in der es keine Ausnahme mehr von dem rigide praktizierten Sozialistischen Realismus zu geben schien.

Wie sein Regisseur war der Film 1971, als er von Chris Marker und seiner SLON-Gruppe anläßlich eines Besuchs Medwedkins in Paris gezeigt wurde, praktisch unbekannt, wurde dann aber rasch als eines der interessantesten Werke des Sowjetfilms der 30er Jahre erkannt und gefeiert.
(Liz-Anne Bawden/Wolfram Tichy (Hg.): rororo Filmlexikon; Reinbek 1984)




Medwekin bediente sich der Übertreibung, der Farce, des Vaudevilles, der Burleske und des Surrealismus, sogar des Expressionismus oder unflätiger Witze. DAS GLÜCK ist einer der originellsten Filme in der sowjetischen Filmgeschichte, was umso bemerkenswerter ist, als er in der orthodoxesten Periode herauskam. Medwedkins Erziehung auf dem Kinozug muß wirklich sehr gründlich gewesen sein. Ein leicht theatralischer Anflug in den Dekorationen und Kostümen wird durch den Effekt witziger Improvisation ausgeglichen - die fröhlichen Masken der Soldatenwerber und die durchsichtigen Kleider der hübschen Nonnen, die Chmyr für ihre Kollekte seine letzten Münzen abnehmen, wirken wie die spontanen Improvisationen in einem literarischen Kabarett.
(Jay Leyda: Kino. A history of the Russian and Soviet Film; London 1960)


Der Stil dieses neuen Stummfilms ist der Stil einer Volkserzählung, einer sozialen Satire, wie sie in unserer Folklore so oft vorkommt. Ein solches Experiment hat unsere Kinematographie bisher noch nicht angestellt. Aber nicht nur gelang es dem jungen Regisseur, einen großen künstlerischen Film zu realisieren, sondern er versuchte auch, neue Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks zu erproben.

Ein interessanter, eigenwilliger und vielversprechender Regiekünstler ist in unsere Filmkunst eingetreten. DAS GLÜCK besitzt eine große soziale Tragweite. Zur gleichen Zeit vermochte der Regisseur auch die Leichtigkeit einer ironischen und vergnüglichen Komödie zu bewahren, die unserem Feind einen Schlag unfehlbarer Treffsicherheit versetzt.
(Sowjetische Kritik, 22.3.1935, in: Ulrich Gregor/Friedrich Hitze: Der sowjetische Film I, 1930-1939; Bad Ems 1966)


Der im Jahre 1900 geborene Medwedkin war in der sowjetischen Kinematografie kein Neuling mehr. In den Jahren 1932 bis 1934 war er Leiter des "Kinozuges", eines "Filmstudios auf Schienen", das durch das ganze Land reiste mit der Aufgabe, Filme herzustellen, die sich auf Material stützten, das am jeweiligen Ort vorzufinden war. Nachdem die Kopie im Labor, das sich ebenfalls im Zug befand, bearbeitet worden war, führte man den Film der einheimischen Bevölkerung als Einführung zur Diskussion vor. Bei fast allen Filmen, die Medwedkin bei dem Wanderstudio drehte, war sein Interesse an der Satire zu spüren, weshalb es auch nicht verwunderlich war, daß er für sein Langfilm-Debüt die Form der Komödie wählte.

Chmyr, der Held dieses Films hat, wie Eisenstein bemerkte, viele chaplineske Eigenschaften, aber im Unterschied zum amerikanischen Tramp begibt er sich am Schluß des Films nicht auf eine einsame Wanderschaft, sondern findet seinen Platz unter Menschen, die ihm nahestehen.
(Jerzy Toeplitz: Geschichte des Films I, 1895-1933; Rogner & Bernhard, München, 1987)


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