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DIE FRAU NACH DER MAN SICH SEHNT
Deutschland 1929 - Regie: Kurt (Curtis) Bernhardt - Drehbuch: Ladislaus Vajda, nach Motiven des Romans von Max Brod - Kamera: Curt Courant, Hans Scheib - Bauten: Robert Neppach - Darsteller: Marlene Dietrich, Fritz Kortner, Uno Henning, Frida Richard, Oskar Sima, Bruno Ziener, Karl Etlinger, Edith Edwards - Produktion: Terra-Film AG, Berlin - Premiere: 29.4.1929 (Berlin) - Farbe: schwarzweiß - Archiv: Filmmuseum München - stumm mit deutschen Zwischentiteln - Länge: 2.090 m, 76 min. bei 24 B/s
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Kurt Bernhardt schafft im Film Atmosphäre. Mit der Kamera tastet er eine trostlose Kleinstadtstraße ab, spürt er die trostlosen Ecken eines Kleinbürger-Cafés auf, in dessen Billardsaal ein Junge von der Frau träumt, nach der wir alle uns in einsamen Augenblicken gesehnt haben. Das bleibt romantischer Auftakt, zart verklingend. Und dieser Stil wird durchgehalten, auch in den realen Augenblicken des Kennenlernens im Schlafwagen, der Flucht von der soeben angetrauten Frau (wie schwierig ist das optisch zu gestalten - und wie taktvoll wird es gemacht).
(Hans Held, in: Film-Kurier, 30.4.1929)




Ausgerechnet am Ende der Ära kam Marlene ihrem Ziel, eine Stummfilmdiva zu werden, so nah wie nie zuvor. Ihr nächster Streifen sollte der beste Film ihrer frühen Jahre werden und stellte unter Beweis, daß Marlene mehr besaß als nur Beine. Die Frau, nach der man sich sehnt hieß ein populärer Roman Max Brod. Das Thema des Romans, der sich in Deutschland sehr gut verkauft hatte (in England und Amerika erschien er unter dem Titel Three Loves), war seine Besessenheit von dem ewigflüchtigen Weiblichen. Überall sucht der Erzähler nach seiner "Stascha" - in den Folies Bergère, in Berlin, Rom, Wien, Serbien und an vielen anderen möglichen und unmöglichen Orten -, doch er findet sie nirgends. Erschöpft und resigniert landet er schließlich in Paris, wo er seine Geschichte erzählt.

(...) Marlene spielte die Titelheldin für die Terra-Film-Produktion. Ganz groß wurde sie neben Fritz Kortner angekündigt, mit dem sie bereits mehrmals auf der Bühne gestanden hatte. Im Film verläuft die Geschichte etwas anders als im Buch: Nachdem Staschas Liebhaber Dr. Karoff (Kortner) ihren Ehemann umgebracht hat, zieht sich das Paar in einen extravaganten Urlaubsort in den Alpen zurück. Der ermordete Gatte und Karoff sind zwei der im Titel der englischen Übersetzung erwähnten "drei Lieben" Staschas. Dritter im Bunde war der dänische Schauspieler Uno Henning, der Gary Cooper verblüffend ähnlich sah.

"Henri" (Henning) fährt in die Flitterwochen mit seiner schwerreichen Angetrauten, die er lediglich geheiratet hat, um die Verhüttungsfirma seiner Familie vor dem Untergang zu retten. Knall auf Fall verliebt er sich in Stascha, läßt seine Braut sitzen, folgt Stascha und Dr. Karoff zu ihrem Urlaubsort (große Silvesterparty), bedroht den kriminellen Karoff und verursacht schließlich den Tod der "Frau, nach der man sich sehnt". Das war die tragischste Rolle, die Marlene je spielen würde, und in ihrer Darstellung zeigte sie echte Starqualitäten. Zu jeder anderen Zeit wäre das ihr endgültiger Durchbruch gewesen. [mehr...]

(Steven Bach: Marlene Dietrich: Die Legende - Das Leben; Econ, Düsseldorf 1993)

Zum vollständigen Text mit mehr Informationen zu Marlene Dietrich in ihrer ersten Rolle als 'femme fatale'




In DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT beweist Bernhardt, daß er die Mittel des Stummfilms perfekt einsetzen kann (...). Bernhardt (und dem Drehbuchautor Ladislaus Vajda) warf die Filmkritik in der Mehrzahl Verlogenheit, Undurchsichtigkeit, Beliebigkeit der Erzählstruktur vor. Die als mangelhaft empfundene Kameraarbeit und Montage wirkt heute gerade durch die ungeordnete Detailfreude, die Lust am Durchbrechen einer normierten Erzählhierarchie kaum gealtert. Es ist, als habe Bernhardt in seinem letzten Stummfilm noch einmal zeigen wollen, wie weit Kameraleute, Regisseure und Schnittmeister jetzt gehen konnten in den Anforderungen an den Zuschauer.

In den Hotelszene schwelgt die Kamera in Details, komplizierte Montagerhythmen setzen Dinge in Beziehung zu den Seelenzuständen und zum Konfliktverlauf der drei Akteure. Karoff in seinem Zimmer setzt zum Beispiel einen Spiegel mit der Fußspitze in pendelnde Bewegung und sieht sich darin wie ein Stehaufmännchen hin- und hertanzen, im gleichen Spiegel prüft Stascha ihr Aussehen kurz vor dem Silvesterball, an dem sie zu dritt teilnehmen werden. Auch Leblanc sieht in den Spiegel. Am Morgen nach dem Silvesterball kommt es zum Kampf zwischen den beiden Männern. Froschperspektive, verkantete Kamera, schnelle Schnitte dramatisieren die Konfliktsituation. Doch nimmt die Kamera weniger die aufeinanderprallenden Körper wahr, als in Detailaufnahmen die zunehmende Zerstörung der Zimmereinrichtung, das Zerplatzen von Gegenständen. Wenig später eine Detailaufnahme: Einige Hände stülpen hastig dunkle Herrenhüte über Garderobehaken, die dazugehörenden Herren sind vom Mordkommissariat. [mehr...]

(Lothar Schwab: Im Labyrinth der Männerängste. Kurt Bernhardts deutsche Filme (1924-1933), in: Aufruhr der Gefühle. Die Kinowelt des Curtis Bernhardt; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin 1982)

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Kiersch: Eine Kritik über DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT aus der New York Times von 1929 lobt Ihre Regie enthusiastisch. Die Dietrich sei "garboesk", es fehle ihr aber die Intensität des Gefühls - später ein wichtiges Element des Dietrich-Mythos. Nach einer Aufführung des Films bei den Berliner Filmfestspielen behauptete eine Londoner Zeitung, der Film antizipiere nicht nur die Sternberg-Dietrich, sondern überträfe sogar von Sterberg, was die Regie angeht. Wie denken Sie über dieses Lob?

Bernhardt: Ich halte den Film in der Tat für unterbewertet. Er galt als verschollen, ehe er 1977 in Berlin gezeigt wurde. Die Dietrich erinnert sich nur ungern an den Film. Sie hält lieber an der Legende fest, daß von Sternberg sie geschaffen habe. Sie verleugnet alles, was vor dem BLAUEN ENGEL liegt. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, daß sie als Anfängerin von Mr. Sternberg entdeckt wurde. Er ist ihr Held. Punktum.

Kiersch: Die Kritiken über DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT heben die eindrucksvolle Beleuchtung und die vorzügliche Fotografie hervor.

Bernhardt: Das geht auf das Konto von Curt Courant.

Kiersch: Nach allem, was man hört, ist dies ein Film, auf den Marlene Dietrich stolz sein könnte.

Bernhardt: Jemand, der die Existenz von vier oder fünf Filmen und zehn erfolgreichen Bühnenrollen leugnet, versucht doch nur seinen eigenen Mythos zu kreieren.

("Ich war immer ein Romantiker". Curtis Bernhardt im Gespräch mit Mary Kiersch (1977), in: Aufruhr der Gefühle. Die Kinowelt des Curtis Bernhardt; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin 1982)


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