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EROTIKON

Zurück zu Seite 1 Programm: Bonn 2007 Druckversion Festival-Archiv

Schweden 1920 - Regie: Mauritz Stiller - Drehbuch: Mauritz Stiller, Arthur Nordén nach dem Bühnenstück 'Blaufuchs' von Ferenc Herczeg - Kamera: Henrik Jaenzon - Darsteller: Tora Teje, Lars Hanson, Anders de Wahl, Karin Molander, Elin Lagergren, Vilhelm Bryde, Torsten Hammarén - Produktion: Svensk Filmindustri Stockholm - Premiere: 8.11.1920 - Format: 35mm - Länge: 1.764 Meter, 96 Minuten (16 Bilder/sec) - Farbe: mehrfarbig getoned - Zwischentitel: schwedisch mit deutscher Übersetzung

Musikbegleitung: Aljoscha Zimmermann & Sabrina Hausmann

Englisches Originalzitat

Perhaps this is the one of his [Stillers] films which has had the greatest influence in film history. It is the origin of the splendid comedy, later so brilliantly developed by Lubitsch and his supporters.

Stiller thought that too many peasant films had been produced in Sweden. What the international market cried out for was elegant comedies. Up until then such ones had not been made. They had produced innumerable more or less gross farces, and cheap comedies. (...), but a witty comedy with intelligent people in circles corresponding to cultivated peoples' demands for elegance had not yet been attained.

Arthur Nordén was asked to hunt up suitable material. He chose the Hungarian Ferenc Herczeg's play "Blaufuchs"? (...), which a few years earlier had been played in Stockholm, and later was filmed in Germany with the actress Zarah Leander. The play was radically rewritten (...).

With great enthusiasm Stiller undertook the task of building a magnificent house of a university professor, luxuriously, lavishly, and elegantly furnished. No Swedish professor ever owned such a magnificent villa. He built elegant fur-stores, he had a ballet composed (...). He shot incidents in something as modern as an airplane. He spared no costs! The nature of the film enabled him to use professionals, and the parts were left to Sweden's most famous actors (...).

"Eroticon? was a great sensation everywhere. In Germany they soon noticed its new qualities and eighteen years afterwards the Frenchman Jean Renoir in an interview, confessed that he still remembered "Erotikon" as a pioneering work, and that several times he had tried to contact the author of the film in order to produce a "talkie version". (...)

Was Lubitsch influenced by Stiller? Naturally! In 1924 - immediately after completing "The Mariage Circle" he was interviewed in Hollywood by RKO's present manager in Stockholm, Carl Gerhard Wallman. On that occasion Lubitsch only named one single film, and did it spontaneously: "Erotikon - the best film I have ever seen!"

Bengt Idestam-Almquist: Classics of the Swedish Cinema. The Stiller & Sjöström Period. With an Introduction by Victor Sjöström, Stockholm 1952, S.34 f.

Die deutsche Übersetzung dieses Textes finden Sie hier.

Zeitgenössische Filmkritiken (z.T. mit Inhaltsangaben)

Erotikon (Marmorhaus)

Dieser Film kann als eine neue Etappe wahrer Filmkunst genannt werden. Er ist schwedische Arbeit...

In jedem Bild atmet Kultur, wie sie nur aus seltenem Geschmack, aus wirklichem Stil hervorgehen kann. Die kleinste Geste in ihm ist fein abgewogen, trägt dieses Abzeichen einer Vollkommenheit, die dem Künstler vorbehalten ist. Manuskript, Inszenierung, Darstellung. Ausstattung, Photographie, alles. Ein Niveau, das den breiten Massen wenig entspricht, unkorrumpiert zu halten, ist heute beim Film eine künstlerische Tat! Der Glaube, daß der wirksame Film eine "starke Handlung" fordert, der despotisch die Talente unter unseren Filmautoren einengt, verliert hier seinen Boden. "Erotikon" ist ein Novellenstoff, ein Essay mit symbolisierter Handlung, eine ruhige, satirische Erzählung, deren Worte man zu Bildern gemacht hat. Und doch wünscht man angeregt den nächsten Akt. (Ich gebe zu, daß dieses Moment ausschlaggebend ist.). Woran das liegt? - Hier haben Könner gearbeitet; sie haben Etwas zu Vollkommenem gemacht. Und wäre der Stoff, der ihnen diente, nichts, er müßte durch die Form gewinnen, die sie ihm gaben, sowie die unsichtbaren Dinge, denen der Dichter Wirklichkeit leiht.

Aber der Stoff dieses Filmes lebt durch sich selbst. "Erotikon" ist eine leichte, graziöse Satire über den Alltag der Liebe; er zeigt sich hier, wie durch eigenen Spott in symbolischen Zerrbildern, fast ungewollt in einer Komödie. Die "Handlung" erschöpft sich in der einfachen Liebesgeschichte zwischen einer Verheirateten und dem Freund ihres Mannes, aber verborgen hinter Selbstironie, dieser Angst vor der eigenen Lächerlichkeit, die entschuldigen soll, daß man's auch tut, auch liebte. - Diese Komödie hat absolut geistiges Format. Ihre Satire ist reinlich und wendet sich nicht an billigen Geschmack; und dort, wo die Ernsthaftigkeit durchschimmert, verläßt sie nicht die künstlerische Linie. Sie deutet fast verschämt an. Was zwischen den Liebenden ist, sagt erst das Theaterstück, das sie besuchen. Dort verleumdet die Lieblingsfrau des Schahs dessen beste Freund, der sie zurückstieß, als sie ihn begehrte, und er wird vom Schah erdolcht. - Als ernste Parodie dazu hebt (in unserer Filmhandlung) der Gatte, als seine Frau ihm gesteht, daß sie ihn betrogen - den brennenden Zigarettenstummel vom Teppich. Die Polygamie der Bockkäfer bleibt sein Problem ... Die dichterischen Qualitäten des Films brüskieren das Publikum, es ahnt, wem die Verspottung gilt, wenn der Professor einem Mädchen seine Liebe schenkt, das ihm Hammelbraten mit Kohl zu kochen verspricht. - Aber hier beginnt die neue Etappe des Filmes. -

Die Inszenierung ist eine ganz erstrangige Leistung. In fünf herrlichen Akten wird Szene auf Szene zu einer klaren, schönen Rundheit geführt, von einem Instinkt, dessen künstlerische Sicherheit tiefe Psychologie und Kultur in sich einschließt. Der dramaturgische Bau des Filmes ruht auf bildhafter Wirkung auf die außerordentliches verwandt ist: Die Photographie (Henrik Jaenzon) in wunderbarsten Schattierungen, die mit dem Stil und der Gediegenheit der Bauten zu einem Kunstwerk verschmilzt. - Regie: Mauritz Stiller. Wir wollen uns diesen Namen merken!

Und die Schauspieler? Die neuen Gesichter erfrischen, überraschen uns; ist es nötig zu sagen, daß uns das für sie einnimmt? Aber sie sind gut, weil auch sie Kultur haben. Einzig Tora Teje (auch in Distanz besehen) bietet eine große Erscheinung. Sie ist die mondäne Frau; von unglaublicher Beherrschtheit in Mimik und Körper, von faszinierender Eleganz; ihr Sarkasmus pointiert alle Situationen, ohne das Frauenhafte zu schmälern. Man sieht, daß diese Frau keinen Blockadekrieg mitgemacht hat. Lars Hanson ist sachlich und ein sympathischer Partner; eine glänzende Karikatur stellt Torsten Hammarén, blasser Anders de Wahl.

Hersteller: Svensk-Biograph, im Verleih der Decla-Bioscop A-G., Berlin. p.-ina in: Film-Kurier 3.Jg. Nr. 181, 5.8.1921.

"Erotikon". Ein Spiel von der Liebe Leid und Lust in fünf Akten. Regie: Mauritz Stiller. Photographie: Henrik Jaenzon. Fabrikat: Svenska-Biografen in Stockholm. (Marmorhaus.)

Der feinsinnige mit viel Empfindung geschaffene Film fand mit Recht den lebhaftesten Beifall des Premierenpublikums, obwohl der inhaltliche Vorwurf weder als völlig neu noch als besonders originell bezeichnet werden kann. Die Qualität dieser schwedischen Schöpfung beruht auf dem exakten Zusammenspiel namhafter schwedischer Filmkünstler, sie hat ihre Basis in der peinlich sauberen, das kleinste Detail in das Ganze abstimmenden Regie, in dem leichten, flüssigen Fortgang der Handlung, die Einzelheiten ohne Frivolität reizvoll zu unterstreichen verstand, und in der ausgezeichneten photograph. Arbeit. Unter den vielen, in letzter Zeit gezeigten (meist abenteuerlichen Verfolgungs-) Filmen fremder Herkunft entschieden eine hervorragende Akquisition, die uns durch ihr wirkliches Filmspiel wieder einmal beweist, daß Deutschlands überwiegende Filmrichtung auch im Ausland eine Pflegestätte hat. - Der Insektenforscher Professor Charpentier vernachlässigt über seinen Studien die junge und schöne Frau, die ihren Lebenszweck nur im raffinierten Luxus sieht. Das ungleiche Paar strebt offensichtlich auseinander. Des Gelehrten Interesse neigt der im Haushalt lebenden, mütterlich um ihn bemühten Nichte zu, die auch an seinen Arbeiten Anteil nimmt, indem sie nebenbei die Zeichnungen für sein Buch über die "Biologie der Bockkäfer" anfertigt. Der Frau Professor Neigung gilt dem Bildhauer Preben Wells. Nebenher bemüht sich ein Baron Felix um die Gunst der unverstandenen Frau. Eifersuchtsgründe veranlassen Irene den Bruch gewaltsam herbeizuführen. Sie bekennt ihrem Mann nach einer stürmischen Auseinandersetzung mit dem Bildhauer einen Ehebruch -, der sich nach verschiedenen, mit heiteren Zwischenfällen gespickten Nachforschungsbemühungen seitens des Bildhauers als erfunden herausstellt. Der Bildhauer, der Irene im Verdacht hatte, Baron Felix an dessen Arm in seinem Heim besucht zu haben, mußte zu seiner Beschämung erkennen, daß ihm eine peinliche Verwechslung mit einer gleich gekleideten Dame unterlaufen ist. Irene verzeiht dem Voreiligen unter der Bedingung, daß er in Zukunft ihr - die zu ihrer Mutter geflüchtet ist - angehören müsse.

Ludwig Brauner in: Der Kinematograph No.756, 14.8.1921.




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