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ENGELEIN
Deutschland 1913 - Regie: Urban Gad - Drehbuch: Urban Gad Kamera: Axel Graatkjær, Karl Freund - Bauten: Fritz Seyffert - Darsteller: Asta Nielsen, Alfred Kühne, Max Landa, Fred Immler, Hanns Kräly, Adele Reuter-Eichberg, Martin Wolff, Erner Hübsch, Bruno Kastner - Produktion: Projektions-AG Union, Berlin - Premiere: 3.1.1914 (Berlin) - Archiv: Filmmuseum München - Farbe: schwarzweiß - stumm, mit deutschen Zwischentiteln - Länge: 1.543 m, 75 min.bei 18 B/s
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ENGELEIN teilt nicht die hohen Ansprüche, mit denen die anderen Schlüsselfilme aus dem fruchtbaren Jahre 1913 daherkommen. Er buhlt nicht um Prestige bei der literatur- und theaterbewußten Elite. Er erzählt nur eine komische Liebesgeschichte. Aber er ist der beste Film seines Jahrgangs und mancher kommender Jahre, in der innovatorischen Kraft und olympischen Perfektion seiner Inszenierung und Darstellung, in seiner puren Qualität als Film unerreicht bis zu den frühen Meisterwerken von Lubitsch und Lang. Er verdankt das seiner Hauptdarstellerin Asta Nielsen, die in diesem Jahrzehnt "das einzige absolute Genie der Filmkunst" (Béla Balázs) ist; nicht weniger verdankt er es seinem Autor und Regisseur Urban Gad, der hier mit der leichten Selbstverständlichkeit, die keine Anstrengung und Überlegung verrät, den Prototyp der Screwball-Comedy kreiert. ENGELEIN ist der 24. Asta Nielsen-Film seit ihrem Leinwanddebüt 1910, bis auf einen sämtlich inszeniert von ihrem Mann Urban Gad. 1913 ist Asta Nielsen 32 Jahre alt; in ENGELEIN spielt sie eine 17jährige, die sich als 12jährige ausgibt.

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Als ENGELEIN fünfzehn Jahre nach seinem Entstehen, 1928, in Berlin eine Wiederaufführung erlebt, befiel die Rezensenten das nackte Entsetzen angesichts der Erkenntnis, daß die Kunst der Filmkomödie in der Art und Qualität dieses Films bereits ausgestorben war. In der Weltbühne schrieb Harry Kahn: "Das Lächeln wird recht bitter beim Anblick von ENGELEIN. Denn da sieht man, was Asta Nielsen kann, und was unsere gefeiertsten Lustspielstars nicht können. Man erkennt, daß der, natürlich riesengroße, Fortschritt der fotografischen Technik, die ganze Verfeinerung von Aufnahme und Einstellung, all diese Kurbel- und Blendenwitze, nichts bedeuten neben der mimischen Begabung des Menschen, der vor dem Apparat steht. Ein filmisches Genie wie die Nielsen ist in all den fünfzehn Jahren auf europäischem Boden nicht wieder erstanden; und auf amerikanischem ist allein der spätere Chaplin ihr Pair. Durch reine Bewegungsmotive knappster Art, ein Liderheben, eine Armbewegung, ein Lippenziehen, die seelische Situation des Augenblicks ausschöpfen, eine Szene zusammenfassen, spontan auf ihren stärksten Augenblick bringen - das kann noch heute kein Millionenstar, wie die Nielsen es schon vor 15 Jahren konnte."
(Ilona Brennicke/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Stummfilms; Wilhelm Goldmann, München 1983)

Zur ungekürzten Fassung des Textes


In dem Lustspiel ENGELEIN stellte ich ein vierzehnjähriges Mädchen dar, das in einer Szene auf eine Leiter steigt. Dabei wurde das Strumpfband über dem Knie für eine Sekunde sichtbar. Große Aufregung bei der Zensur! War das wirklich ein Strumpfband? Die Szene mußte noch einmal vorgeführt werden. Nach langem Hin und Her waren einige der Ansicht, es handle sich nur um eine Schleife. Zum drittennmal wurde die Szene vorgeführt. Nun kam es darauf an: Schleife oder Strumpfband! Da die Vermessenheit nur eine Sekunde in Erscheinung trat, war man sich immer noch nicht darüber klar geworden und ließ die paar Meter großmütig durchgehen. Nun zeigte sich aber, daß der Film auf der Idee aufgebaut war, daß ich in Wirklichkeit achtzehn Jahre alt bin, jedoch bei der Ankunft des gestrengen Erbonkels die Vierzehnjährige spielen muß; ich kam nämlich vier Jahre früher zur Welt, als meine Eltern heiraten konnten. Der Film wurde glatt verboten. Das war der "Union" zuviel. Sie zeigte ihn trotzdem. Skandal, Geldstrafen und Pressefeldzug gegen die Zensur endeten mit der Freigabe des Films, aber unter dem Vorbehalt: Für Kinder gesperrt. Und gerade diesen Film hatten wir einem jugendlichen Publikum zugedacht.
(Asta Nielsen: Die schweigende Muse; Henschel Verlag, Berlin 1977)


Asta Nielsen should be rediscovered. Her films should be shown to the widest possible audience. Even her earliest films need no introduction: they are modern and immediate in a way that resists cliché. And for those interested in the representation of women in the cinema, there is much to be learned from Asta Nielsen's example. Her sensuality is matched by the powerful impression of intelligence she conveys, and by her resourcefulness and physical agility. She excelled at embodying individualized, unconventional women who are convincingly "natural", whose stories convey their entanglement within - and their resistance to - an invisible web of confining class and sex roles. She surpasses all others in her uniquely understated, cinematic manner of expressing inner conflict.

ENGELEIN is a comedy of deliberately mistaken identity. If Jesta, a 17-year-old, can play the part of a 12-year-old, her family will gain a large inheritance from a rich uncle from Chicago. [mehr...]

(Janet Bergstrom: Asta Nielsen's early German films, in: Before Caligari. German cinema, 1895-1920; Le Giornate del Cinema Muto, 1990)

Zur ausführlicheren Fassung des Textes


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